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Altenpflege

Bei so vielen Pflegekräften hier im Chat hab ich mich entschlossen einen entsprechenden Blog anzulegen. Bei all den Sachen die ich in meinem Studium erarbeite und die mir an und mit der Arbeit begegnen bestimmt ganz interessant für Euch und hilfreich für mich ein paar Kritiker meiner Arbeiten online parat zu haben.
Ausserdem versuche ich immer wieder ein wenig was zum Schmunzeln hier einzufügen...unser Alltag ist schon schwer genug.
Über einen Eintrag im Gästebuch würde ich mich echt freuen.
Konstruktive und destruktive Kritik erwünscht und kann im Pflege-Forum diskutiert werden.
Ihr könnt natürlich auch eigene Beiträge ins Forum stellen.

Viel Spaß und reges Beteiligen,
Gruß

Euer PFK
(Examinierter Altenpfleger, Anleiter pflegender Angehöriger, Pflegedienstleiter, Student der Pflege- und Gesundheitswissenschaften)





I N D E X(Links zu den Artikeln)
Altenheimhierarchie für Aussenstehende
Diskussion: Fachausdruck for Popel
Einzelfallstudie: Durchblutungsstörungen (weiter unten)
APHRO-Kick
Kaffee lässt Alkoholleber schrumpfen
Happy auf Knopfdruck (weiter unten)
Brustkrebs
Stammzellentherapie
Supervision
Leitfaden Alzheimer


Gästebuch und Pflege-Forum


Verfasst am 21.02.2007 03:48:33 Uhr
Leitfaden zum Umgang mit an Alzheimer erkrankten Menschen 1



Und plötzlich wird die Welt zum Rätsel...


I N D E X

Einleitung
1. Methodisches Vorgehen und Ergebnisse
2. Medizinisch-biologische Grundlagen zum Verständnis der Krankheit
2.1 Historie
2.2 Definition Demenz
2.3 Definition Alzheimer
2.4 Stadieneinteilung nach Reisberg
2.5 Wer kann erkranken?
2.6 Risikofaktoren
2.7 Diagnostik
2.8 Medikamentöse Therapien
2.9 Nichtmedikamentöse Therapien
3. Sozial-pflegerische Grundlagen zum Umgang mit der Krankheit und den Erkrankten
3.1 Schlüsselbegriffe
3.2 Diagnose Alzheimer, und jetzt?
3.3 Die Aufklärung des Erkrankten
3.4 Reaktionen und Gefühle Angehöriger
3.5 Finanzielle und rechtliche Angelegenheiten
3.6 Führen eines Kraftfahrzeuges
3.7 Organisation und Pflege
3.8 Wohnungsaufgabe
4. Der Umgang mit an Alzheimer erkrankten Menschen
4.1 Wer bin ich und wer war ich?
4.2 Verlust der Logik
4.3 Misserfolge
4.4 Wiederholen von Fragen und Handlungen
4.5 Unruhe und Bewegungsdrang
4.6 Sinnestäuschungen
4.7 Aggressionen
4.8 Beständigkeit schaffen
4.9 Vermeiden von Unfällen und Gefahren
4.10 Soziale Kontakte
4.11 Inkontinenz
4.12 Die Körperpflege
5. Die pflegenden Angehörigen
5.1 Probleme von pflegenden Angehörigen
5.2 Hilfs- und Entlastungsmöglichkeiten
5.3 Die Anleitung pflegender Angehöriger
5.4 Finanzierung und Finanzierungshilfen
6. Zusammenfassung
7. Literaturverzeichnis
8. Internetverzeichnis
Anhang 1. Schweregrad eines Demenzsyndroms in Anlehnung an das ICD-10
Anhang 2. Tabelle 1. Prävalenz nach dem Alter
Tabelle 2. Inzidenz von Demenzen nach dem Alter
Anhang 3. Mini-Mental-Status nach Folstein
Anhang 4. Uhrentest
Anhang 5. Praktisches Vorgehen zur Diagnose der AD nach den ICD-10 Kriterien
Anhang 6. Altersvorsorgevollmacht
Anhang 7. Persönliche Erklärung



Einleitung

Durch meine langjährige Arbeit im Bereich der Altenhilfe, die ich 1996 mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr begonnen habe, wurde ich immer wieder mit Menschen konfrontiert, die entweder selbst an der Demenz des Alzheimer-Typs erkrankt, oder Angehörige und Helfer von Erkrankten waren.
Nach meiner Ausbildung zum Altenpfleger 1999 war ich erst 2 Jahre stationär in einem Altenheim tätig, habe dann in den ambulanten Dienst gewechselt, wo die Zusammenarbeit, Anleitung und Beratung von Angehörigen mit zu meinen Aufgaben gehörte. Ab August 2002 war ich als stellvertretender Leiter des ambulanten Pflegedienstes tätig. Die erforderliche Ausbildung zum Pflegedienstleiter beendete ich 2004. 2003 habe ich die Weiterbildung Individuelle Schulung und Durchführung von Pflegekursen auf der Grundlage des § 45 SGB XI, also zum Anleiter pflegender Angehöriger absolviert, was die Angehörigenarbeit weiter in den Vordergrund meines Aufgabenbereiches rückte. Hier gestaltete sich aufgrund des Krankheitsbildes gerade die Arbeit mit an der Demenz des Alzheimer-Typs erkrankten Menschen und deren Angehörigen und Helfern als besonders schwierig, was mich damals schon veranlasste, mich mit dem Thema näher auseinander zu setzten. Und um so mehr habe ich mich gefreut, dass ich mich nun im Rahmen meiner TEKO-Arbeit weiter mit der Thematik auseinander setzten darf und somit mein bereits vorhandenes Wissen weiter vertiefen kann.

Alzheimer ist eine Krankheit, die gekennzeichnet ist durch den Abbau des Gehirns. Der Verlauf der Krankheit ist schleichend aber stetig. Die Folge sind zunehmende Störungen von Gedächtnis, Orientierung, Erkennen von Personen sowie Gegenständen. Die Krankheit schleicht sich unaufhaltbar in das Leben der Betroffenen ein. Die Erkrankten verlieren sich immer mehr in ihrem Handeln, deren Tätigkeiten erscheinen uns nicht mehr sinnvoll. Der Mensch beginnt sich zu verändern.
Rainer Maria Rielke hat ein Gedicht geschrieben, das eigentlich den Übergang vom Sommer zum Winter umschreibt, doch man könnte damit genauso das Bewusstsein und die Gefühlswelt eines Menschen beschreiben, der an Alzheimer erkrankt ist:

Der Sommer war so wie dein Haus
Drin weißt du alles stehen
Jetzt musst Du in Dein Herz hinaus
Wie in die Ebene gehen.
Die große Einsamkeit beginnt,
die Tage werden taub,
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
die Welt wie welkes Laub.


Gerade die Veränderungen des Menschen machen es den Angehörigen so schwer, den erkrankten Menschen zu verstehen und zu akzeptieren. Sie leben in einem ständigen Widerspruch, denn je mehr die Krankheit fortschreitet, desto mehr brauch der Erkrankte die Bindung. Doch die pflegenden Angehörigen müssen sich auf der anderen Seite jeden Tag von einem kleinen Teil des Menschen verabschieden, der er früher mal war. Dies kann schnell dazu führen, dass das Gefühl der Zuneigung zu dem Erkrankten in Wut oder Genervtsein und die Fürsorge in Überlastung umschlägt. Sie müssen scheinbar hilflos dem geistigen Verfall des Erkrankten zusehen, jedoch es gibt viel, was ein Angehöriger tun kann um den Erkrankten zu helfen, zu begleiten und das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Genauso aber gibt es viel, was ein Angehöriger durch Nichtwissen und Unterlassung falsch machen kann.
Ich werde im Verlauf meiner Arbeit versuchen, die nötigen Wissensgrundlagen zum Verständnis der Krankheit und somit der Erkrankten herauszuarbeiten und gut angeleitete und nicht angeleitete pflegende Angehörige im Umgang mit der Demenz des Alzheimer Typs gegenüber zu stellen, sowie die Vorteile und Folgen einer guten Anleitung darzustellen. Weiter werde ich versuchen, eine Art Leitfaden zum Umgang mit der Krankheit und den erkrankten Menschen zu erstellen.


1. Methodisches Vorgehen und Ergebnisse

Durch meine Arbeit lag mir bereits einiges an Literatur über die Demenz des Alzheimer-Typs vor. Jedoch stellte sich jetzt das Problem des Findens von genau themspezifischer Literatur. Das Internet und die Bibliotheken sind überschwemmt mit den verschiedensten Texten und Quellen über die Erkrankung selbst, jedoch etwas über pflegende Angehörige von an Alzheimer erkrankten Menschen zu finden gestaltete sich als sehr schwierig.
Meine Suche startete ich im Internet mit der mir bereits bekannten Homepage der
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. , die reichlich Information über die Krankheit bietet. Ich bin dort mit Frau Saxl in Kontakt getreten, die mir freundlicherweise auf einige Fragen antwortete und mir einige Zahlen betreffend der Krankheit zur Verfügung stellte, sowie bei der Homepage der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V, wo ich mit Herrn Franz Engels, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Frau Eva Poll, Diplom Psychologin, beides Mitglieder des Expertenteams dieser Initiative, per E-Mail Kontakt aufgenommen habe. Beide meldeten sich sehr schnell und hilfsbereit zurück und gaben mit sehr nützliche Literaturhinweise und Internetlinks. Herr Engels riet mir zur Lektüre des Buches „Demenz in Theorie und Praxis“. Er verwies mich auch auf einen Steckbrief der Erkrankung auf seiner eigenen Homepage.
Frau Poll riet mir unter anderem zur Lektüre des Buches „Umgang mit chronisch verwirrten Menschen“ und „Die Beratung von pflegenden Angehörigen“.
Auch die Homepage der Alzheimer Forschung Initiative e.V. war mir bereits durch meine Arbeit bekannt. Zusätzlich zu den dort gefundenen Informationen nahm ich mit Frau Dr. Ellen Wiese, Research Grants Manager, per E-Mail Kontakt auf. Auch sie antwortete mir sehr schnell und hilfsbereit und teilte mir unter anderen einen Internetlink von einer 1998 veröffentlichten Studie der Universität Leipzig und einer weiteren Studie aus den USA mit und erzählte von einer Veranstaltung der Firma Merz mit dem Thema "Der Nutzen der Demenztherapie für pflegende Angehörige und Pflegekräfte“ wo Dr. Eberhard Hesse, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Universität Münster, in seinem Vortrag interessante Details berichtet habe. Herr Dr. Hesse hat auf meine Anfrage leider nicht reagiert, jedoch habe ich durch die Firma Merz von deren Alzheimer-Homepage erfahren und sehr aufschlussreiches Informationsmaterial zugesandt bekommen.
Bei meinen Recherchen habe ich letztendlich von der ACGT ProGenomics AG erfahren, die an einem Alzheimer-Früherkennungstest arbeiten, der kurz vor der Markteinführung steht.


2. Medizinisch-biologische Grundlagen zum Verständnis der Krankheit

2.1 Historie

Der bayrische Nervenarzt Alois Alzheimer (1864-1915) beobachtete während seiner Zeit als Assistenzarzt in der „Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main öfter Menschen mit den typischen Symptomen der Demenz des Alzheimer-Typs, aber da diese Menschen alle über 70 Jahre alt waren, hatte er diesen Beobachtungen keine Bedeutung beigemessen, bis er der damals 51 Jahre alten Auguste Deter begegnete, bei der die Krankheit schon soweit vorgeschritten war, dass deutliche Defizite in der Orientierung zur Zeit und zum Ort, in der verbalen Kommunikation und rasche Stimmungswandlungen zu beobachten waren. Damals nannte er dies „die Krankheit des Vergessens“. Als die Patientin 1906 starb, stellte er bei der Autopsie die typischen dichten Ablagerungen rund um das Äußere der Nervenzellen (Plaques) und die im Innern der Nervenzellen verdrehten Faserbänder (Fibrillen) fest.
Die Benennung der Krankheit nach Alois Alzheimer erfolgte 1911 durch Emil Kraeplin, dessen wissenschaftlicher Assistent Alzheimer ab 1902 war, in seinem Lehrbuch der Psychiatrie.


2.2 Definition Demenz

Der Begriff Demenz leitet sich vom lateinischen dementia ab, das sich zusammensetzt aus de = abnehmen und mens = Verstand und kann mit „abnehmender Verstand“ übersetzt werden.
Laut Pschyrembel handelt es sich bei der Demenz um den Oberbegriff der Veränderung und Neuanpassung an ein früheres Entwicklungsstadium als Folge einer Schädigung des Gehirnes mit kognitiven Störungen, Wahrnehmungs-, Gedächtnis-, Denk- und Orientierungsstörungen sowie Apraxie (Störungen im Bewegungsablauf), Konfabulation (Überspielen von Gedächtnislücken durch das Erzählen situationsunabhängigen, spontanen Einfällen), stereotypen Handlungen und Äußerungen, und Veränderungen der Persönlichkeit.
Nach der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) ist die Demenz ein Syndrom, also ein Komplex aus mehreren Symptomen, das gekennzeichnet ist von der Abnahme des Gedächtnisses und von weiteren kognitiven Fähigkeiten, was mindestens 6 Monate lang anhält, in Verbindung mit Störungen der Affektkontrolle, Antrieb oder Sozialverhalten mit schwankenden Emotionen, Reizbarkeit, Teilnahmslosigkeit oder Vergröberung des Sozialverhaltens und Störungen weiterer intellektueller Fähigkeiten wie Urteilsfähigkeit, Denkvermögen, Planung und Ähnlichem. Laut ICD-10 müssen aber diese Beeinträchtigungen so schwerwiegend sein, dass sie zu Einschränkungen in der Alltagsbewältigung führen müssen, um die Diagnose Demenz stellen zu können. Außerdem muss ein Delir (wieder umkehrbare Leistungsminderung, wie z.B. ein Alkoholrausch oder eine kurzzeitige Verwirrtheit durch Fieber) als alleinige Ursache ausgeschlossen werden.
Die Einstufung der Demenzgrade nach ICD-10 sind im Anhang 1. zusammen gefasst.


2.3 Definition Alzheimer

Es gibt verschiedene Bezeichnungen für die Erkrankung, die in der Umgangssprache und Literatur gebräuchlich sind: Morbus Alzheimer, Alzheimer- Krankheit (AK), Alzheimer`sche-Krankheit, Alzheimer-Demenz (AD), Demenz vom/des Alzheimer-Typ (DAT), primäre degenerative Demenz, präsenile/senile Demenz.
Laut Pschyrembel ist die Alzheimer-Krankheit eine progrediente Hirnatrophie, also ein fortschreitender Gehirnschwund (um bis zu 20%) , die zw. dem 40. und 90. Lebensjahr, vor allem bei Frauen, auftritt und vererbbar sein kann.
Makroskopisch ist bei einem von Alzheimer betroffenem Gehirn ein Rückgang von Gehirngewebe zu beobachten. Die Sulci (Furchen) sind sichtbar erweitert und die Gyri (Falten an der Hirnoberfläche) sind zurückgebildet. Auch die Hirnflüssigkeit enthaltenden Ventrikel (Kammern) sind erweitert, was gut an Abbildung 1. zu erkennen ist.


Mikroskopisch sind zwischen den Hirnzellen Anhäufungen von Eiweißablagerungen (Amyloide Plaques) zu erkennen, die bei einem gesunden Menschen aufgelöst und abtransportiert werden, beim an Alzheimer erkranktem Menschen sind diese Ablagerungen aber nicht mehr auflösbar und blockieren die Nervenimpulsüber-tragung, insbesondere des Botenstoffes Acetylcholin, im synaptischem Spalt.
Innerhalb der Gehirnzellen sind Fibrillen, gedrehte Fasern bestehend aus Tau-Protein, die so genannte Mikro-Tubili bilden. Das sind kleine Röhrchen, die für den Transport von Nährstoffen und anderen wichtigen Substanzen innerhalb der Zelle zuständig sind. Beim an Alzheimer erkrankten Menschen verändert sich das Tau-Protein und die Mikro-Tubili werden zerstört und die Ernährung der Zelle eingeschränkt oder ganz unterbunden. Die Zelle stirbt ab.
Signifikant für die Alzheimer-Krankheit ist, dass vorerst keine lebensnotwendigen Bereiche des Gehirns betroffen sind, sondern zuerst der Hippokampus, wodurch das Kurzzeitgedächtnis gestört wird. Im weiteren Verlauf der Krankheit verteilen sich die Ablagerungen dann über die gesamte Hirnrinde und immer mehr Ausfallserscheinungen und Störungen der Gefühlswelt treten auf. Durchschnittlich vergehen von der Diagnosestellung bis zum Tod vier bis acht Jahre. Aber die Krankheit kann auch über zwanzig Jahre ihren Lauf nehmen.
Die Krankheit kann in verschiedene Stadien eingeteilt werden. Meistens sind in der Literatur drei oder vier Stadieneinteilungen zu finden. Ich bevorzuge die Stadieneinteilung nach Reisberg, da sie genauer ist.


2.4 Stadieneinteilung nach Reisberg

Stadium 1) Unauffällig; keine Gedächtnisstörungen.

Stadium 2) Fragliche Störungen; Nur der Betroffene selbst merkt, dass er vergisst, wo er vertraute Gebrauchsgegenstände hingelegt hat. Das berufliche und gesellschaftliche Leben ist nicht eingeschränkt. Im Gespräch und Untersuchungen sind keine sicheren Gedächtnisstörungen nachweisbar.

Stadium 3) Geringe Störung; Stärkeres Nachlassen der Merkfähigkeit mit eindeutigen Störungen in mehr als einem der folgenden Bereiche:
-Zurechtfinden an einem fremden Ort
-Verminderte Leistung und Versagen bei beruflichen Anforderungen
-Wortfindungsstörungen und Schwierigkeiten, sich an Namen von Bekannten zu erinnern.
-Behalten eines nur kleinen Teils eines gerade gelesenen Textes
-Schlechtes Behalten von Namen neu vorgestellter Personen
-Verlegen oder Verlieren von Wertgegenständen
-Verringerte Leistungsfähigkeit im Beruf oder sozialem Umfeld.
-Bei Untersuchungen kann eine Störung der Gedächtnis- oder Konzentrationsfähigkeit festgestellt werden.
Markant an diesem Stadium ist, dass Störungen gelegentlich vom Umfeld registriert werden können, die vom Betroffenen oft vertuscht oder überspielt werden und er Defizite leugnet.

Stadium 4) Mäßige Störungen; Der Betroffene kann sich nur schwer oder gar nicht mehr an aktuelle oder kurz zurückliegende Ereignisse erinnern. Er hat Schwierigkeiten, sich an den eigenen Lebenslauf zu erinnern. Schwierigere Denk- und Rechenaufgaben fallen ihm auffällig schwer. Er findet sich an unbekannten Orten nicht mehr zurecht und kann mit Geld merklich nicht mehr richtig umgehen. Die Aktivität des Betroffenen nimmt ab und Konkurrenzsituationen und erhöhte Anforderungen werden vermieden. Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen können leicht im Gespräch oder Untersuchungen festgestellt werden. Der Betroffene versucht weiterhin seine Störungen zu vertuschen und leugnet diese.

Stadium 5) Mittelschwere Störungen; Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage alleine zurecht zu kommen und ist auf Hilfe Dritter angewiesen. Die Störrungen sind leicht schon im Gespräch feststellbar. Er kann sich nicht mehr an wichtige Dinge des alltäglichen Lebens erinnern. Er vergisst z.B. die eigene Telefonnummer und die Adressen oder Namen von Angehörigen. Der Bezug zur Zeit geht langsam verloren und der Betroffene kann oft keine Angaben zum Datum, Wochentag oder sogar zur Jahreszeit machen. Der Betroffene kommt jetzt oft schon in bekannten Umgebungen nicht mehr richtig zurecht. Die Kleidung wird unpassend ausgewählt und oft wird in diesem Stadium die Körperpflege vernachlässigt.

Stadium 6) Schwere Störungen; Der Betroffene ist vollständig auf Hilfe Dritter angewiesen. Das Zeitgefühl geht verloren, der Betroffene weiß weder ob es Tag oder Nacht, Sommer oder Winter ist. Die Persönlichkeit verändert sich, der Betroffene hat Wahnvorstellungen wie z.B. Diebstahl oder Ehebruch, kann Halluzinationen haben. Er wirkt unruhig, kann plötzlich scheinbar unbegründet ängstlich oder aggressiv werden. Der Antrieb wird immer mehr gestört, der Betroffene wird scheinbar immer apathischer.
In diesem Stadium kann der Betroffene schon die Namen naher Angehöriger oder des Partners vergessen.
Urin- und Stuhlinkontinenz können auftreten.

Stadium 7) Sehr schwere Störungen; Der Wortschatz des Betroffenen ist stark vermindert, er kann sich kaum noch oder gar nicht mehr unterhalten. Er kann kaum noch laufen und hat Probleme beim Sitzen und den Kopf gerade zu halten. Die Urin- und Stuhlentleerung kann nicht mehr gesteuert werden und der Betroffene verliert die Fähigkeit zu lächeln.


2.5 Wer kann erkranken?

Die Anzahl der Erkrankungen variieren stark in der Literatur und im Internet. Dies liegt einerseits daran, dass eine klare Abgrenzung der Alzheimer-Demenz zu anderen Demenzformen oft schwer zu treffen ist und es auch einen mehr oder weniger großen Anteil von Mischformen gibt, andererseits liegt es auch daran, dass Demenzerkrankungen nach wie vor häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium wahrgenommen und diagnostiziert werden. Die Sensitivität dafür ist sowohl in der Bevölkerung als auch unter Medizinern noch längst nicht hoch genug.
Die Deutsche Alzheimergesellschaft schätzt die Anzahl der Demenzerkrankungen in Deutschland auf fast eine Millionen, wovon zwei Drittel an der Alzheimer-Demenz erkrankt seien (Stand 08/2002). Alois, die Alzheimer-Homepage der Firma Pfizer und Eisai, schätzen die Anzahl der an Alzheimer erkrankten Menschen auf eine Millionen (Stand 2005) und die Deutsche Alzheimer Initiative e.V. schätzt die Anzahl der erkrankten Menschen auf 1,2 Millionen (Stand 2005) . Aber alle Quellen sind sich einig, dass die Anzahl bis spätestens zum Jahre 2030 die 2 Millionenmarke überschreiten wird. Die WHO schätzt die Gesamtzahl der an Alzheimer erkrankten Menschen auf etwa 18 Millionen weltweit.
Die genauen Ursachen der Alzheimer Krankheit sind unbekannt. Die Erforschung der Ursachen wird weltweit betrieben. Sie kann bei jedem Erwachsenem ab dem 40. Lebensjahr auftreten und im Prinzip kann auch jeder sie bekommen, wobei gewisse Faktoren die Entstehung der Krankheit begünstigen können. Trotzdem spricht man von einer typischen Alterserkrankung, weil 95% der Erkrankten älter als 65 sind und mit zunehmendem Alter auch die Häufigkeit der Erkrankung zunimmt, was deutlich aus den Tabellen 1. und 2. über Prävalenz und Inzidenz (Anhang 2.) hervorgeht.


2.6 Risikofaktoren

Es wird allgemein angenommen, dass immer mehrere Faktoren daran beteiligt sind, um die Krankheit auszulösen.
Wie bereits erläutert, steigt das Risiko an Alzheimer zu erkranken mit dem Alter.
Auch sind Frauen eindeutig öfter betroffen als Männer, was nicht unbedingt etwas damit zu tun haben muss, dass Frauen älter werden als Männer . Ein Östrogenmangel als Auslöser wird in diesem Zusammenhang diskutiert.
Auch eine Vererbbarkeit der Krankheit ist möglich. Eine Mutation am Chromosom 19 kann Alzheimer auslösen und ist vererbbar. Diese aber eher seltene Form (ca. 5% der auftretenden Alzheimer-Erkrankungen) ist gekennzeichnet durch das Auftreten vor dem 65. Lebensjahr.
Weitere Ursachen sind Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Cholesterin- und Homocystein-Werte.
Auch könnten schwere Kopfverletzungen die Ursache für die Entstehung der Krankheit sein.
Es werden weitere Ursachen diskutiert, sind aber nicht wissenschaftlich belegt, wie der Zusammenhang von Metallen und Alzheimer. So wurde im Hirngewebe verstorbener Alzheimererkrankten eine erhöhte Aluminiumkonzentration festgestellt, genauso wird diskutiert, dass ein Kupfermangel die Krankheit auslösen könnte.
Hinweise gibt es auch darüber, dass ein niedriges Bildungsniveau etwas mit der Entstehung der Krankheit zu tun haben könnte.


2.7 Diagnostik

Eine genaue Diagnosestellung ist momentan noch in den ersten Phasen der Erkrankung nicht möglich. Erst ab Phase 3 kann eine Demenz mit verschiedenen Tests relativ sicher (zu ca. 80%) diagnostiziert werde. Durchgesetzt haben sich hier der Mini Mental Status Test (Anhang 3.) und der Uhrentest (Anhang 4.).
Nach den ICD-10-Kriterien müssen erstmal die Kriterien einer Demenz erfüllt sein. Dann wird eine Ausschlussdiagnose gestellt, was bedeutet, dass andere Hirnerkrankungen, systemische Erkrankungen und Alkohol- und Drogenmissbrauch ausgeschlossen werden. Das Vorgehen dabei ist im Anhang 5. dargestellt.
Des Weiteren sollte bei der Diagnosestellung auch darauf geachtet werden, ob möglicherweise Störungen der Sprache (Wortfindungsstörungen), der räumlichen Leistung (z.B. Krawatte binden, Auto einparken, adäquates Ankleiden) oder in der räumlichen oder zeitlichen Orientierung vorliegen. Auch Verhaltensänderungen, wie sozialer Rückzug, Stimmungsschwankungen, Unruhezustände, Antriebsarmut, Aggressivität, Störungen des Tag-Nacht-Rhytmusses, depressive Verstimmungen, wahnhafte Überzeugungen und Sinnestäuschungen sollten dabei bedacht werden.
Daher ist die Zusammenarbeit mit einem nahe stehendem Familienmitglied bei der Diagnosestellung sehr wichtig.
Aufschlussreiche Diagnosehilfen sind die Positronen-Emissions-Tomographie (PET), die Computertomographie (CT) und die Kernspintomographie (MRT).
Bei der PET wird eine leicht radioaktive Flüssigkeit injiziert, womit die Stellen im Gehirn sichtbar gemacht werden können, wo der Zuckerstoffwechsel eingeschränkt oder nicht mehr vorhanden ist, was bedeutet, dass dort das Hirngewebe angegriffen oder zerstört ist.
Bei der CT und MRT kann das Gehirn dreidimensional dargestellt und Schrumpfungen im Gehirn sichtbar gemacht werden. Gerade bei der Alzheimer-Krankheit ist ein Abbau von Zellen im Hippocampus ersichtlich.
Einhundertprozentig ist die Krankheit auch heute noch nur nach dem Tod durch die Autopsie des Gehirns diagnostizierbar, aber in späteren Krankheitsstadien sind die klinischen Anzeichen so eindeutig, dass die endgültige Diagnose sehr selten falsch ist.
Am Wichtigsten bei der Diagnosestellung ist, dass die Krankheit frühstmöglichst erkannt wird, denn um so früher mit der Beratung, Medikation und Therapie begonnen wird, um so länger kann die Krankheit aufgehalten und die Lebensqualität verbessert werden.
Die Firma ACGT ProGenomics AG arbeitet momentan an einem Alzheimer-Früherkennungstest. Wie mir Herr Dr. Böhm, Vorstandsmitglied der Firma, auf meine Anfrage per E-Mail mitteilte, sei der CSF-basierte Test vollständig abgeschlossen, für den blutbasierten Test stehe der Abschluss unmittelbar bevor. Es seien in Klinischen Studien und in Forschungsstudien hervorragende Ergebnisse erzielt worden, die teilweise jedoch durch Vertraulichkeitsvereinbarungen geschützt seien und daher nicht veröffentlicht werden dürften. Derzeit laufe die Planung für die Produktion des Testkits und die Markteinführung werde etwa Ende 2006 erwartet.


2.8 Medikamentöse Therapien

Es gibt noch kein Medikament, das Alzheimer heilen oder vorbeugen kann. Ein heilendes Medikament ist noch nicht in Aussicht, eine Impfung als Präventivmassnahme wird kontrovers diskutiert und erforscht.
Bisher stehen nur Medikamente zur Verfügung, die Symptome lindern oder für eine gewisse Zeit herauszögern können.
Die erste und wichtigste Medikamentengruppe sind momentan die Antidementika, die in 3 Gruppen eingeteilt werden. Die Acetylcholinesterasehemmer verbessern die durch Acetylcholin vermittelte Nervenimpulsübertragung zwischen den Zellen. Die Glutamatmodulatoren verbessern die durch Glutamat stattfindende Nervenimpulsübertragung. Und die Nootropika verbessern die Hirnleistung. Wichtig hierbei ist, dass es vor allem bei den Acetylcholinesterasehemmern Hinweise darauf gibt, das das Verbleiben eines Erkrankten zu Hause um bis zu zwei Jahre herausgezögert werden kann, womit die Krankheit auch weiter herausgezögert werden und die Lebensqualität somit verbessert werden kann.
Die zweite Gruppe von Medikamenten behandeln weitere Begleiterkrankungen, die auftreten können, und müssen vom Arzt individuell angepasst und eingesetzt werden. Dazu gehören Schlaf- und Beruhigungsmittel (niederpotente Neuroleptika und Anxiolytika), Antidepressiva und Mittel zur Behandlung von Wahn und Sinnestäuschungen (Neuroleptika und Antipsychotika).
Die dritte Gruppe sind die vorbeugenden und nervenschützenden Medikamente wie die Antioxidantien und a-Liponsäure.
Daneben gibt es noch Hinweise darauf, dass sich die Einnahme von Antientzündliche Medikamente (Nicht-Steroidalen-Antientzündliche Rheumatika) günstig auf den Krankheitsverlauf auswirken können, was aber noch nicht wissenschaftlich belegt ist.


2.9 Nichtmedikamentöse Therapien

In den Frühen Phasen der Erkrankung ist körperliche Fitness sehr wichtig. Dadurch wird die Durchblutung angeregt, die Sauerstoffaufnahme verbessert und kann vor der Ablagerung von amyloiden Plaques schützen oder diese langsamer voranschreiten lassen. Laut der Alzheimer Forschung Initiative e.V. kann ein täglicher Spaziergang von 3 Kilometern das Risiko um die Hälfte reduzieren, an Alzheimer oder einer anderen Demenzform zu erkranken.
Auch Gedächtnistraining („Gehirnjogging“) sollte in den ersten Phasen der Erkrankungen noch durchgeführt werden, aber nur solange die Erfolgserlebnisse den Misserfolgen überwiegen, denn spätestens ab Stadium 4 der Erkrankung führen nicht mehr beantwortbare Fragen eher zu Frustration als zum Nutzen.
Auch kann hier noch das Realitäts-Orientierungs-Training (ROT) sehr sinnvoll sein, bei dem Pflegepersonen den Erkrankten Orientierungshilfen gibt, z.B indem man ihm mehrmals täglich Uhrzeit, Tageszeit, Datum, Jahreszeit, Ort etc. mitteilt. Der demente Mensch wird somit permanent ermutigt, sich mit der aktuellen Realität auseinander zu setzen. Hier können auch Tast- oder Geschmackssinn genutzt und gefördert werden.
Die Selbsterhaltungstherapie (SET) kann bis zu den mittleren Stadien angewandt werden. Durch die Beschäftigung mit wertvollen und erhaltenden Erinnerungen z. B. das Ansehen von Fotoalben aus der Vergangenheit des Erkrankten, früher gerne gehörten Musikstücken, Filmausschnitten oder Buchtexten wird versucht, Identität und Würde des Betroffenen aufrechtzuerhalten. Die Selbst-Erhaltungstherapie strebt an, die Persönlichkeit und Selbstwertgefühl länger zu erhalten, indem sie an weniger beeinträchtigte Fähigkeiten anknüpft.
Ein Teil der SET ist auch die Erinnerungstherapie (Remineszenz-Therapie), die so lange das Langzeitgedächtnis nicht beeinträchtigt ist angewandt werden kann. Erinnerungen können durch alte Fotografien, bekannte Musikstücke oder früher gerne gegessenen Speisen wieder aufleben und bei den Betroffenen – einzeln oder in Gruppen – die geistige Anregung fördern.
Die Kunst- und Musiktherapie kann bis in die hohen Krankheitsphasen durchgeführt werden. Sie fördern nicht nur die kreativen Fähigkeiten sondern können auch Mittel zum Ausdruck von Gefühlen, die vielleicht nicht mehr verbal geäußert werden können, sein.
Das Snoezelen kann in allen Phasen angewandt werden, wobei alle Sinne, zum Beispiel mit Kissen (Tastsinn), Duftlampen (Geruchssinn) und entspannender Musik (Hörsinn), angeregt und der Erkrankte somit entspannt oder angeregt werden soll.
Bei der Milieutherapie wird die Umgebung an den Erkrankten so angepasst, dass Fähigkeiten gestärkt und unterstützt, und das Wohnfeld klarer wird. Überflüssige Dinge, die zu Verwirrung führen und von den eigentlich zu nutzenden Dingen ablenken könnten, werden entfernt und somit die Autonomie gefördert. Zum Beispiel könnten Parfumflakons im Bad entfernt werden, damit die Zahnputzutensilien sofort ins Auge fallen.
Auch Logopädie und Ergotherapie können bei Bedarf sehr sinnvoll sein.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass dem Erkrankten die Therapie Spaß machen muss. Jede Therapie sollte den Fähigkeiten des Betroffenen angepasst werden, denn er soll gefordert, und nicht überfordert werden. Misserfolge und Zwang sollten unbedingt vermieden werden.


3. Sozial-pflegerische Grundlagen zum Umgang mit der Krankheit und den Erkrankten

3.1 Schlüsselbegriffe


Meines Erachtens nach gibt es fünf grundlegende Begriffe im Umgang mit an Alzheimer erkrankten Menschen und deren Angehörigen: Biographie, Empathie, Geduld, Wertschätzung und Freiräume.
Gerade die Biographie des Erkrankten ist wichtig, denn da die Gedächtnisstörungen mit dem Kurzzeitgedächtnis beginnen und oft Dinge, die im Langzeitgedächtnis gespeichert sind, bis in die hohen Phasen der Erkrankung erhalten bleiben. Dadurch ergeben sich Anknüpfungspunkte beim Verständnis und der Pflege des Erkrankten. Ehemaligen Gewohnheiten des Erkrankten, die er vielleicht selbst nicht mehr durchführen kann, können beibehalten und somit oft auftretende Abwehrreaktionen in höheren Krankheitsphasen vermindert werden. Der Erkrankte kann seiner gewohnten Lebensweise weiter nachgehen und seine Würde wird geachtet.
Gerade beim Umzug in ein Heim ist es wichtig, Gewohnheiten und Vorlieben des Erkrankten zu wissen. Denn woher soll man wissen, warum der Erkrankte das Gemüse ausspuckt, aber nicht mehr mitteilen kann, dass er noch nie im Leben gerne Gemüse gegessen hat? Oder warum wird der Erkrankte aggressiv, wenn man ihn baden will, er aber nicht mehr mitteilen kann, dass er sein Leben lang nur geduscht hat? Warum reagiert der Erkrankte abwehrend, wenn man ihm beim Duschen helfen möchte, er aber sein Leben lang erst die Zähne geputzt hat?
„Prägungen sind Resultate der biologischen Reifung. Es sind manchmal auch >>Über-Ich<<-Normen, die dem Menschen Sicherheit vermitteln. Sie sind bei jedem Menschen durch das eigene Erleben ganz tief im Altzeitgedächtnis verankert. Sie begleiten alle Menschen mehr oder weniger ein ganzes Leben lang und können durch das Altzeitgedächtnis im Alter wieder reaktiviert werden. Die Zeit ist zwar weiter gegangen, der alte >>demente<< Mensch jedoch verharrt jedoch in seiner Zeit. Für ihn können Lebenserinnerungen und Prägungen jetzt zu einer Art von Realität werden, die aktiv im Hier und Jetzt ausgelebt werden. (…)“
Empathie ist eng mit der Biographie verknüpft. Sie ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Gefühle und ihr Handeln zu verstehen. „Empathie ist die eigentliche Grundlage des Helfens.“
Gerade bei dementen Menschen ist es wichtig zu versuchen, sich in sie hineinzuversetzen, da diese Menschen in höheren Krankheitsphasen die Fähigkeit verlieren, sich verbal mitzuteilen. Mimik und Gestik müssen genau beachtet, und alte Gewohnheiten und Vorlieben immer bedacht werden. Erst dadurch kann man einen Menschen, der sich nicht mehr mitteilen kann, verstehen, auf seine Wünsche und Bedürfnisse wirklich eingehen und seine Würde achten.
Gerade der Umgang mit der Demenz des Alzheimer-Typs erfordert ein hohes Maß an Geduld. Durch den immer stärker auftretenden Verlust des Kurzzeitgedächtnisses kommt es immer mehr zu wiederholten Handlungen, Aussagen und Fragen des erkrankten Menschen. Es erfordert viel Geduld, wenn der erkrankte Mensch zum Beispiel zum fünften Mal kurz hintereinander fragt, wann es denn jetzt Essen gibt. Aber als Pflegeperson muss man sich einfach bewusst sein, dass der Erkrankte sich tatsächlich nicht mehr daran erinnern kann, dass die Frage schon vier Mal beantwortet wurde.
Wertschätzung bedeutet, die Werte des anderen zu schätzen, diese zu respektieren und zu würdigen. Sie ist ein wichtiges Werkzeug, Zugang und Kontakt zu einem anderen Menschen zu bekommen. Wertschätzung ist eng verknüpft mit dem Selbstwertgefühl, und dieses gilt zu fördern.
Trete ich einem dementen Menschen gegenüber, der durch seine Krankheit viele seiner Fähigkeiten verloren hat, und würdige z.B. seine Fähigkeit, sich noch selbst ankleiden zu können, auch wenn es viel Zeit in Anspruch nimmt, kann ich mit diesem Menschen näher in Kontakt treten, als wenn ich ihm dabei helfe, was durchaus und verständlich zu Abwehrreaktionen führen kann. Ich steigere damit nicht nur sein Selbstwertgefühl, sondern kann auch noch vorhandene Ressourcen erkennen und diese gezielt fördern. Durch ein paar aufmunternde und wertschätzende Worte komme ich dem Menschen näher als durch gut gemeinte Hilfe, denn gerade bis in die mittleren Krankheitsphasen der Demenz sind sich die Menschen bewusst, dass sie immer mehr Fähigkeiten verlieren. Durch Hilfe stelle ich seine Fähigkeiten in Frage und der Mensch wird sich durch sein dadurch vermindertes Selbstwertgefühl distanzieren, möglicherweise sogar mit der Zeit resignieren und sein Fähigkeitsverlust wird somit beschleunigt.
Trete ich einem pflegendem Angehörigen mit der Frage gegenüber, ob er das denn alles schafft und richtig macht oder nehme ihm gewohnte Arbeiten ab, stelle ich auch seine Leistungen in Frage und werde durch das dadurch verminderte Selbstwertgefühl weniger erreichen können als durch ein paar aufmunternde und wertschätzende Worte. Der Angehörige fühlt sich dadurch in seiner Arbeit und Leistung bestätigt und wird sich weiter öffnen, möglicherweise sogar von selbst mitteilen, wo er eigene Defizite sieht.
Auch Freiräume sind sowohl für den pflegenden Angehörigen als auch für den dementen Menschen wichtig.
Der demente Mensch brauch Freiräume, um seine noch vorhandenen Fähigkeiten weiter entfalten zu können. Gerade in höheren Krankheitsphasen sucht der Erkrankte nach Aufgaben, die er noch mit seinen wenig vorhandenen Fähigkeiten erfüllen kann. Und um diese nicht auch noch zu verlieren, bedarf es der Routine. Und diese kann nur erreicht werden, wenn der erkrankte Mensch genug Freiräume hat, diese auch zu erlangen.
Da die Alzheimer-Demenz einen schleichenden Verlauf aufweist, wächst der pflegende Angehörige fast unmerklich immer mehr in seine Aufgabe hinein, die mit der Zeit immer schwerer und aufwändiger wird. Von kleinen Erinnerungshilfen in den ersten Krankheitsphasen wächst die Arbeit zur kompletten Übernahme der hauswirtschaftlichen und pflegerischen Tätigkeiten. Auch die Nachtruhe kann durch nächtliches Umherwandern gestört werden. Und so wird die Hilfe nach und nach zum „24-Stunden full-time-job“. Und zu der mehr und mehr zeitintensiver und anstrengender werdenden Pflege kommt die wachsende psychische Belastung hinzu. Daher ist es gerade für pflegende Angehörige wichtig sich Freiräume zu schaffen, Hilfe anzunehmen und die zahlreichen Hilfsangebote zu nutzen, zu denen ich später noch kommen werde. Denn wenn die Pflegeperson zusammenbricht, bricht die komplette häusliche Pflege zusammen.


3.2 Diagnose Alzheimer, und jetzt?

Mit der Diagnose Alzheimer kommen nicht nur große Belastungen auf den Betroffenen zu, sondern auch auf die Angehörigen und das gesamte nähere Umfeld. Daher spricht man bei der Alzheimer Demenz auch oft von einer „Familienkrankheit“, denn die ganze Familie ist gefordert hinsichtlich des Verständnisses, der Empathie und der pflegerischen Kompetenz. Es sollten schon im Vorfeld möglichst viele Informationen über die Krankheit, deren Verlauf und über mögliche Hilfsangebote angeeignet werden. Nicht nur das Wissen um eine schwere und noch unheilbare Krankheit muss bewältigt werden, sondern auch Entschlüsse bezüglich der zukünftigen Versorgung, Betreuung, Pflege und des gesamten weiteren Lebens müssen getroffen werden. Vor allem ist hier die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. zu benennen. Sie gibt schon am Telefon kompetente Beratung und Information für Betroffene, Angehörige, ehrenamtlich und beruflich Engagierte (Alzheimer-Telefon: 01803-171017), und hilft dabei, den zukünftigen Verlauf der Krankheit besser einschätzen und verstehen zu können und die notwendigen Schritte ins Auge zu fassen.
Ohne Hilfsannahme und der nötigen Aufklärung von pflegenden Angehörigen stehen diese völlig alleine da. Ein Rückzug in Isolation und durch den stetigen Verlauf der Krankheit ist eine Überforderung und ein möglicher Zusammenbruch der Pflegeperson schon ab den mittleren Krankheitsphasen absehbar, was ich im Folgenden versuche näher aufzuzeigen.


3.3 Die Aufklärung des Erkrankten

Teilt der Arzt die Diagnose den Familienmitgliedern mit, stellt sich zuerst die Frage, ob man den erkrankten Menschen überhaupt darüber aufklären soll. Möglicherweise hat der Betroffene vorher den Wunsch geäußert die Diagnose nicht zu erfahren oder es besteht die Gefahr, dass er stark depressiv reagiert. Auch wenn der Betroffene seine Schwierigkeiten hartnäckig leugnet, könnte es problematisch sein, mit ihm über das Ergebnis zu sprechen.
Für die Aufklärung spricht, dass der Betroffene planen kann, wie er das Beste aus den folgenden Jahren macht. Lange geplante Reisen könnten noch unternommen, lang ersehnte Wünsche könnten noch erfüllt werden. Der Betroffene kann sich aktiv an der Gestaltung und Organisation der Pflege beteiligen, wichtige finanzielle Entscheidungen treffen und entscheiden, wer sich später um ihn kümmern soll.
Jeder Mensch hat das Recht zu entscheiden, ob er die Diagnose erfahren sollte oder nicht.
Auf keinem Fall darf der betroffene aber ohne jegliche Erläuterung mit der Diagnose konfrontiert werden. Man muss sehr deutlich darlegen, dass die Krankheit einen sehr unterschiedlichen, also auch sehr langsamen Verlauf nehmen kann und dass es wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt. Am Wichtigsten ist, dem Betroffenen das Gefühl zu geben, dass er mit seiner Krankheit nicht alleine ist.
Hat aber der betroffene Mensch erfahren, dass er an Alzheimer erkrankt ist, muss ihm dabei geholfen werden, mit den nun aufkommenden Gefühlen und der Gewissheit, unheilbar erkrankt zu sein, geholfen werden. Die Krankheit muss ausgiebigst erläutert werden und dem Betroffenen muss die Möglichkeit gegeben werden, über seine Befürchtungen zu sprechen. Eine psychologische Betreuung oder die Teilnahme an Selbsthilfegruppen kann da sehr hilfreich sein.


3.4 Reaktionen und Gefühle Angehöriger

Werden die Angehörigen mit der Diagnose konfrontiert, können viele Starke und zum Teil auch widersprüchliche Gefühle aufkommen. Manche Angehörige sind geschockt. Andere wiederum erleichtert, da sie jetzt endlich eine Erklärung für das veränderte Verhalten ihres lieben Angehörigen gefunden haben.
Oft beginnt die Bewältigung des Erfahrens der Diagnose mit der Verharmlosung der Situation, möglicherweise sogar Verleugnung, da die Diagnose nicht geglaubt oder abgetan wird. Bei ersten Ausfallserscheinungen wird oft versucht, diese mehr als auszugleichen, was sich in einem übertriebenen Engagement zeigen kann. Dazu kommt oft Wut auf die Krankheit, Wut auf Gott, Wut auf die Aussichtslosigkeit, Wut auf sich selbst durch mögliche Schuldgefühle. Auch kann das Gefühl der Hilflosigkeit, Angst und Unsicherheit überhand nehmen, wenn man das Gefühl hat, es nicht mehr zu schaffen und die Zukunft nicht bewältigen zu können. Doch beginnt der Erkrankte sich zu verändern, folgt oft die Akzeptanz der Erkrankung.
Diese Gefühle sind ganz normale Reaktionen bei einer so belastenden Erkenntnis. Wichtig ist, dass diese Gefühle akzeptiert werden und, vielleicht auch mit professioneller Hilfe, diese Gefühle und die damit verbundenen Emotionen langsam wieder abgebaut werden. Die Gefühle zu verdrängen oder an ihnen festzuhalten erschwert das Leben für die Angehörigen und auch für den Betroffenen Mensch selbst.


3.5 Finanzielle und rechtliche Angelegenheiten

Der Umgang mit Geld, das Führen eines Kontos, Überweisungen, Schecks ausstellen etc. sind relativ komplizierte Tätigkeiten, die schon in sehr frühen Krankheitsphasen beeinträchtigt oder nicht mehr möglich sein können. Daher sollte schon frühstmöglichst vom Erkrankten bestimmt werden, wer sich später darum kümmern soll. Die einfachste Form, dem Erkrankten dabei zu helfen, ist eine Altersvorsorgevollmacht (Anhang 6.) oder eine Generalvollmacht. Auch kann eine gesetzliche Betreuung eingerichtet werden.
Es sollte auch bedacht werden, das Testament frühzeitig zu schreiben, solange der Erkrankte noch zu den Fragen der Verfügung über sein Vermögen selbst Stellung nehmen kann.


3.6 Führen eines Kraftfahrzeugs

Zu dem Zeitpunkt, an dem die Diagnose Alzheimer mit Sicherheit gestellt werden kann, ist die geistige Fähigkeit bereits so stark eingeschränkt, dass das Führen eines Kraftfahrzeugs nicht mehr möglich ist.
Durch die zunehmende Vergesslichkeit könnten schon in den frühen Krankheitsphasen Verkehrsschilder und gefährliche Situationen fehlinterpretiert und Unfälle verursacht werden.


3.7 Organisation und Pflege

Da sich die Krankheit in das Leben des Erkrankten und der Angehörigen langsam einschleicht, wird der Entschluss, dass ein erkranktes Familienmitglied zu Hause und von wem gepflegt wird, oft unmerklich und unbewusst getroffen. Die Hauptpflegeperson läuft Gefahr, sich selbst zu viele Aufgaben aufzubürden. Doch es ist wichtig, sich im Vorfeld schon mit Angehörigen und nahen Verwandten, wenn noch möglich auch mit dem Betroffenen selbst, zusammen zu setzten und zusammen zu beratschlagen, wer wann welche Aufgaben übernimmt und übernehmen kann. Die Hilfeleistungen sollten auch schriftlich niedergelegt werden, um spätere Enttäuschungen und Missverständnisse auszuschließen. Jetzt schon kann die Hilfe und Beratung eines ambulanten Pflegedienstes in Betracht gezogen werden. Und auch hier schon sollte die Hauptpflegeperson versuchen, genügend Freiräume und Hilfsmöglichkeiten mit einzuplanen, um genug Kraft und Energie für die Pflege und der Pflege in Zukunft zu haben.


3.8 Wohnungsaufgabe

Ein Wohnungswechsel ab den mittleren Krankheitsphasen ist oft mit einer Verschlechterung der Symptome verbunden. Ein Verbleib in der gewohnten Umgebung schafft Vertrauen, Orientierung und Sicherheit. Dies lässt sich oft über einen längeren Zeitraum mit fremder Hilfe und adäquater Medikation sichern. Eine Hilfe im Haushalt, ein ambulanter Pflegedienst und vielleicht auch der Verbleib tagsüber in einer Tagespflegestätte können sehr sinnvoll und nützlich sein, die eigenen Kräfte zu erhalten.
Erkennt aber ein an Alzheimer erkrankter Mensch sein zu Hause nicht mehr und rennt ständig weg, oder wenn eine Betreuung rund um die Uhr notwendig wird, ist ein Umzug in ein Heim oder einer anderen Institution unumgänglich.


4. Der Umgang mit an Alzheimer erkrankten Menschen

4.1 Wer bin ich und wer war ich?


Schreitet die Krankheit weiter fort, muss man versuchen zu verstehen, dass der Mensch nicht nur Fähigkeiten und Erinnerungen verliert, nein, der Erkrankte verliert auch das Wissen darüber wer er ist und wer er war. Wer sich z.B. an die Person, die einem aus den Kleidern helfen will, nicht mehr erinnert, der wird diese Person als Zumutung für seine Intimsphäre empfinden. Wenn man dies bedenkt, versteht man auch, wenn der Erkrankte einen beschimpft und sich weigert, die Kleider abzulegen. Versetzt man sich also in die Welt des Erkrankten, wird die abwehrende Reaktion zu einer durchaus „vernünftigen“ Reaktion. Bedenkt man dies nicht, kann es passieren, dass ein solches Verhalten persönlich genommen wird, was zu sinnlosem Verletztsein und somit zu unnötigen Streitereien und Diskrepanzen führen kann.
Wichtig hierbei ist auch zu wissen, dass der Erkrankte zwar seine geistigen Fähigkeiten verliert, die Emotionen aber im gesamtem Verlauf der Krankheit erhalten bleiben, der Erkrankte diese aber nicht steuern kann.
Auf Korrekturen von Handlungen sollte verzichtet werden, denn diese beunruhigen und beschämen den Erkrankten Menschen. Es ist sinnvoller, fehlende Informationen unauffällig mit in das Gespräch einfließen zu lassen. Auch Schilder an Türen, Notizen und Ähnlichem können Orientierung geben ohne zu beschämen.
Auch Abfrageübungen sollten aus diesem Grund nur in den frühen Phasen der Erkrankung durchgeführt werden.
Wichtig ist, dass Handlungen, ungewöhnlich erscheinende Antworten und das vielleicht auftretende Vergessens des Namens nie persönlich genommen werden.


4.2 Verlust der Logik

Auch zu bedenken ist, dass neue Informationen nicht mehr geordnet und gespeichert werden können. Trinkt ein Erkrankter z.B. kochenden Tee, gelingt möglicherweise der Rückschluss nicht mehr, dass der Tee zu heiß ist und der Erkrankte trinkt trotz der Schmerzen weiter. Erklärungen, die auf Logik beruhen, versteht der Erkrankte möglicherweise nicht mehr. Diskussionen und Streitereien mit an Alzheimer erkrankten Menschen über uns logisch erscheinende Dinge mit uns logischen Argumenten machen oft wenig Sinn. Sucht z.B. ein 90-jähriger seine Mutter, macht das Argument, dass sie ja schon weit über 100 sein müsste, wenig Sinn, wenn man bedenkt, dass der Betroffene sein eigenes Alter nicht mehr weiß oder dass das Wissen nicht mehr vorhanden ist, dass ein Mensch nicht so alt werden kann. Daher sind Versuche des Überzeugens mit logischen Argumenten zwecklos und münden oft in Diskussionen und Streit, was vermieden werden sollte. Besser ist auf den Erkrankten einzugehen, sich in ihn hinein zu versetzen und versuchen sich vorzustellen, was in dem Erkrankten Menschen vorgehen könnte.
Zu Problemen führen kann auch, dass der erkrankte Mensch seine Umwelt nicht mehr entschlüsseln kann. So können Besucher den Anschein erwecken, dass sie dem Erkrankten die ihm vertraute Bezugsperson wegnehmen könnten. Raschelndes Laub lässt Einbrecher vermuten. Das Knacken von Heizungsrohren könnten Gewehrschüsse sein. Der Erkrankte kommt immer öfter in Situationen, in der er seine Umwelt und die Wirklichkeit nicht mehr begreift, einfache Gegenstände und die für uns unkompliziertesten Verrichtungen können nicht mehr ausgeführt werden, denn sie verlieren ihren Sinn. Quellen der möglichen Fehlinterpretation, wie das knackende Heizungsrohr, sollten wenn möglich beseitigt werde. Und kommt es doch zu Fehlinterpretationen, sollte der Mensch beruhigt und ihm mitgeteilt werden, dass man das Geräusch auch wahrnimmt aber nichts passieren kann.


4.3 Misserfolge

Hat ein gesunder Mensch einen Misserfolg, kann er sich darauf besinnen, dass er es das nächste Mal besser machen kann. Er schöpft neue Hoffnung und bewältigt so seine Krise. Ein an Alzheimer erkrankter Mensch kann dies nicht steuern, Er kann diese Hoffnung, es das nächste Mal besser zu machen, nicht aufbauen. Er ist seiner negativen Gefühlswelt ausgeliefert. Akzeptanz der Misserfolge ist hier sehr wichtig. Statt den Erkrankten zu tadeln und zu kritisieren, was seine negativen Gefühle noch verstärken würde, sollte der Mensch oft möglichst gelobt und in seinem Handeln bestärkt werden. Zeigt der Mensch Angst vorm Weitermachen, sollte er beruhigt und weiter ermuntert werden es weiter zu versuchen, aber ohne ihn zu überfordern. Auch Berührungen und Anlächeln können den Erkrankten in seinem Tun bestärken.
Manche Angehörigen glauben auch in höheren Krankheitsphasen noch mit Denk- und Abfrageübungen die Vergesslichkeit verbessern zu können, aber die Vergesslichkeit ist nicht mehr rückgängig zu machen. Solcher Überforderungen beschämen den Erkrankten und verstärken seine bereits so negative Gefühlswelt, was dazu führen kann, dass der erkrankte Mensch sich noch weiter zurückzieht und schwerer zu motivieren wird.


4.4 Wiederholen von Fragen und Handlungen

Viele erkrankte Menschen stellen in den frühen und mittleren Phasen der Krankheit oft kurz hintereinander dieselben Fragen. Man könnte manchmal den Eindruck bekommen, dass der Erkrankte einen damit ärgern will. Das liegt aber daran, dass der Mensch die Antwort vergessen hat. Oft ist dies auch ein Zeichen der Angst, des Zweifels oder der Unsicherheit. Fragt ein Mensch z.B. ständig nach der Tochter, die im Urlaub ist, könnte es sein, dass der Erkrankte sich darüber Sorgen macht, dass die Tochter so lange nicht da war oder dass er sich einsam fühlt. Das Argument, dass sie im Urlaub ist, könnte vielleicht nicht verarbeitet werden. Die Fragen sollten daher geduldig beantwortet werden. Aber auch das Schreiben der Antwort auf eine Karte kann sinnvoll sein. Sollte die Frage dann wieder gestellt werden, kann auf die Karte verwiesen, oder dem Erkrankten die Karte gegeben werden.
Immer wiederkehrende Handlungen, wie Regale abstauben, Dinge sortieren und Ähnliches, könnten ein Hinweis darauf sein, dass der Erkrankte endlich eine Beschäftigung gefunden hat, die ihm gefällt und die ihm auch gelingt. Der Erkrankte sollte daher in seinem Tun bestärkt werden.
Oft laufen die Erkrankten auch der Pflegeperson hinterher, was auch in der Gedächtnisstörung begründet ist. Die Nähe einer vertrauten Person gibt dem Erkrankten Sicherheit. Daher sollte schon in den frühen Phasen der Erkrankung versucht werden, andere Menschen in die Betreuung und Pflege regelmäßig zu integrieren. Dann sind sie weniger beunruhigt, wenn eine der Personen mal nicht da ist. Manchmal funktioniert auch, Zettel mit dem Grund der Abwesenheit an mehreren Orten in der Wohnung aufzuhängen.
Wenn man wirklich mal die Geduld verlieren sollte, kann die Situation oft damit unterbrochen werden, indem man den Erkrankten ablenkt oder ihm anderweitig mehr Aufmerksamkeit schenkt. Eine weitere Möglichkeit ist das Hören von Musik über Kopfhörer. Damit ist man körperlich bei dem Erkrankten, innerlich aber kann man bei sich selbst sein und entspannen, bis man die nötige Geduld wieder aufbringen kann.


4.5 Unruhe und Bewegungsdrang

Krankheitsbedingte Veränderungen im Gehirn können zu Unruhe und Nervosität führen, was sich in ständigem hin und her laufen oder nächtlichem Umherwandern äußern kann. Dabei ist auch zu bedenken, dass das Laufen eine der möglicherweise wenigen verrichtbaren Tätigkeiten gehört, die der Erkrankte ohne Hilfe ausführen kann. Es stärkt sein Selbstwert- und Körpergefühl und gibt ihm eine gewisse Entscheidungsfreiheit.
Manchmal aber ist es auch die Suche nach dem, was der Erkrankte verloren hat, wie Gegenstände oder Menschen aus der Vergangenheit. Oder es sind alte Gewohnheiten und Vorlieben oder vermeintliche Pflichten. So könnte der Mensch der Meinung sein, zur Arbeit oder einkaufen gehen zu müssen.
Aber auch körperliche Bedürfnisse wie Harn- und Stuhldrang, Hunger oder Schmerz könnten der Grund dafür sein.
Daher sollte erstmal versucht werden, die Ursache für das Umherlaufen zu ermitteln. Sollte der Erkrankte angeben einer vermeintlichen Pflicht nachgehen zu müssen, sollte ihm versichert werde, dass z.B. an der Arbeit alles in Ordnung sei oder das genügend Vorräte im Keller sind. Sollte der Mensch nicht mehr in der Lage sein, seine Bedürfnisse verbal zu äußern, sollte bedacht werden, wann er das letzte mal gegessen oder auf der Toilette war. Auch sollte auf die Gestik geachtet werden, denn vielleicht hat der Mensch einen spitzen Stein im Schuh, dieser ist zu fest gebunden oder er hat ein anderes körperliches Unwohlseinsgefühl.
Sollte kein Grund für die Unruhe ermittelt werden können, so ist es manchmal die einfachste Möglichkeit, den Mensch einfach laufen zu lassen. Auch ein Ortswechsel kann den Menschen zur Ruhe bringen.
In solchen Unruhesituationen sollte der Erkrankte aber nie alleine gelassen werden, denn manche Menschen entwickeln eine Weglauftendenz, wenn Sie zum Beispiel auf der Suche nach Orten sind, die in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt haben. Sollte dies öfter auftreten, sollte dem Erkrankten für solche Fälle vorsorglich ein Arm- oder Halsband mit Name, Telefonnummer und Adresse umgehängt werden, was aber nicht jeder Erkrankte toleriert. Auch mehrere deutliche Fotos des Erkrankten sollten für mögliche Suchaktionen griffbereit aufbewahrt werden.
Beim nächtlichem Umherwandern sollte bedacht werden, dass ein älterer Mensch deutlich weniger Schlaf brauch, was durch die Alzheimer-Demenz verstärkt werden kann. Durch den zunehmenden Verlust des Zeitgefühls kann es sogar zu einem völlig gestörten Tag-Nacht-Rhythmus kommen.
Hier hilft in den frühen und mittleren Krankheitsphasen das Realitäts-Orientierungs-Training. Auch sollte darauf geachtet werden, dass der Mensch tagsüber möglichst wenig schläft und abends nicht zu früh ins Bett geht. Das Schlafzimmer sollte auch, vor allem im Sommer, nachts möglichst abgedunkelt sein, um Fehlinterpretationen bei frühen Sonnenaufgängen und späten Sonnenuntergängen zu vermeiden. Ein bequemes Bett, angenehme Raumtemperatur und vielleicht ein warmes Milchgetränk als Abendritual helfen beim Einschlafen.
Schlafmittel sollten nur in Bedarfssituationen, möglichst niedrig dosiert und in ärztlicher Absprache gegeben werden. Der Mensch gewöhnt sich schnell an das Medikament, es verliert mit der Zeit an Wirksamkeit und es kann die bereits bestehenden Verwirrtheitszustände noch verstärken, genauso könnte die Sturzgefahr des Erkrankten, wenn er dann doch nachts aufwacht, erhöht werden. Falsch dosierte Beruhigungsmittel können unter Umständen sogar das nächtliche Umherwandern verstärken oder auslösen.
Orte im Haus, die eine verstärkte Gefahr darstellen könnten, wie Treppenhaus, Haustür, aber auch Medikamentenschränke und Schränke mit Putzmitteln und anderen gefährlichen Stoffen, sollten gerade nachts verschlossen, und wenn möglich, z.B. mit einem Vorhang versteckt werden.


4.6 Sinnestäuschungen

Dadurch, dass ein Erkrankter gewisse Situationen nicht mehr richtig einschätzen kann, kann es zu Erklärungsversuchen des Erkrankten kommen, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Das kann zu scheinbar unerklärlichen Reaktionen wie der Beschuldigung des Diebstahls oder Ähnlichem führen. Sie könnten auch Verwandte für verkleidete Fremde halten oder „den Fremden“ im Spiegel, das eigene Spiegelbild also, nicht wieder erkennen. Solche Beschuldigungen und Täuschungen sollten nicht persönlich genommen werden, denn es sind die Versuche des Erkrankten, sich die Situation im Rahmen seiner eingeschränkten Gedächtnisleistung zu erklären.
Bei Anschuldigungen des Diebstahls reicht es oft schon, den vermissten Gegenstand zu finden, die der Betroffene oft selbst versteckt hat. Deshalb ist es sinnvoll, den Erkrankten beim Herumtragen von Gegenständen zu beobachten, um „seine Verstecke“ herauszufinden, die von Zeit zu Zeit vor allem nach gehorteten Lebensmitteln durchsucht werden sollten. Auch der Papierkorb könnte ein solches Versteck sein, daher sollte dieser vorm Leeren auch durchsucht werden.
Wichtig ist den Erkrankten in solchen Situationen zu beruhigen und dabei den Wahrheitsgehalt seiner Aussage nicht in Frage zu stellen.
Beachtet man dies nicht, können zum Beispiel wertvolle Dinge aus Versehen weggeschmissen werden. Sollte der Erkrankte dann gerade nach diesem Gegenstand suchen, könnte er in einem Diebstahlswahn verstärkt und sogar bestätigt werden.
In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass Bilder und Teppiche mit irritierenden Mustern entfernt werden sollten, da diese auch zu Sinnestäuschungen beim Erkrankten führen, oder diese verstärken können.


4.7 Aggressionen

Aggressionen sind meistens Zeichen des Missverstehens einer Situation. Ein plötzlich lauter Satz oder ein unbekanntes Geräusch, aber auch ein körperliches Unwohlseinsgefühl kann einen an Alzheimer erkrankten Menschen derart überfordern, dass er aggressiv reagiert.
Auch hier gilt erst zu versuchen, den Grund für das Verhalten herauszufinden. Als erstes sollte immer bedacht werden, dass der Erkrankte auch nahe stehende Personen vielleicht nicht wieder erkennt und sie für Fremde halten kann. Diskussionen, energisches Zureden und das Festhalten des Erkrankten oder ihn in eine andere Richtung zu drängen sollte unbedingt vermieden werden, da dadurch das aggressive Verhalten möglicherweise noch gefördert werden kann. Sinnvoller ist keine Angst zu zeigen, sich gelassen und freundlich dem Erkrankten zuzuwenden und zu versuchen, ihm ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Auch Ablenkung oder ein Ortswechsel kann die Aggressionen mindern, da der Erkrankte in höheren Krankheitsphasen schon kurze Zeit später nichts mehr von dem unangenehmen Zwischenfall weiß.
Sollte ein solches Verhalten öfter auftreten, sollte Rücksprache mit dem Hausarzt gehalten werden. Ein entspannendes oder sedierendes Medikament kann für solche Situationen sinnvoll sein, welches aber nur beim Auftreten solcher Situationen möglichst niedrig dosiert und nicht als Dauermedikation verabreicht werden sollte. Weiter sollte man immer darauf achten, dass man sich einen Fluchtweg freihält und man erlernt, sich sanft aus einem festen Griff zu befreien.


4.8 Beständigkeit schaffen

Da das Kurzzeitgedächtnis des Erkrankten eingeschränkt ist, belasten alle gravierenden Neuerungen und wechselhafte Situationen den Betroffenen stark. Der gesunde Mensch empfindet Abweichungen vom gewohntem Tagesablauf und Neuerungen als angenehme Abwechslung, ein Erkrankter empfindet dies als verunsichernd und beängstigend. Auch gut gemeinte Hilfe, wie das Zuendeführen von Tätigkeiten und Sätzen, werden von dem Erkrankten als entmutigend empfunden und verleiten ihn eher zu resignieren.
Ein möglichst gleich bleibender Tagesablauf gibt dem Erkrankten Sicherheit. Er sollte, wenn möglichst, täglich zur gleichen Uhrzeit aufstehen, die morgendliche Körperpflege sollte, an seinen Gewohnheiten und Vorlieben orientiert, den gleichen Ablauf haben und auch der weitere Tagesverlauf sollte, Ruhepausen um Überforderungen zu vermeiden mit eingeplant, sollte strukturiert und beibehalten werden. Und sollten doch Neuerungen erforderlich sein, sollten diese schrittweise eingeführt und mit angenehmen Gefühlen verbunden sein, z.B. die Nassrasur mit einem wohlriechenden Rasierwasser.
Ein ständig wechselnder Tagesablauf und zu rasch eingeführte Neuerungen verunsichern den Erkrankten und können zu Wahnideen oder zur Verstärkung dieser führen.
Sollten Neuerungen, wie neue Möbel oder das Umrücken von Möbeln absehbar sein, sollte dies möglichst in den früheren Krankheitsphasen durchgeführt werden, denn um so weiter die Krankheit voranschreitet, desto mehr verunsichern diese den Erkrankten.


4.9 Vermeiden von Unfällen und Gefahren


Das Leben eines Menschen, der an Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen leidet, birgt immer die Gefahr, dass der Mensch sich oder Andere gefährden könnte. Die Menschen könnten eingeschaltete Geräte wie Herd und Bügeleisen vergessen, sind stärker sturzgefährdet oder könnten sich verlaufen und nicht wieder nach Hause finden. Stolperfallen wie Teppiche, Stufen und Treppen könnten nicht als solche erkannt werden. Medikamente und Putzmittel könnten als essbar interpretiert werden. Die Gefahr von jetzt immer gefährlicheren Gewohnheiten, wie Rauchen und Auto fahren, könnten vom Erkrankten unterschätzt werden. Eine weitere große Gefahr ist, dass der an Alzheimer erkrankte Mensch kein Durstgefühl mehr hat bzw. dies nicht äußern kann. Daher gewinnt die Kontrolle der Trinkmenge immer mehr an Bedeutung, je weiter die Krankheit fortschreitet, besonders in Situationen von vermehrter Flüssigkeitsausscheidung wie bei der Einnahme von Diurretika, im Sommer oder bei Fieber. Zwei bis drei Liter Flüssigkeitszufuhr wären optimal, was aber oft nicht durchführbar ist, aber die Einfuhrmenge sollte nie 1,5 Liter am Tag unterschreiten.
Potentielle Gefahrenquellen, wie elektrische Geräte oder Putzmittel und andere Haushaltschemikalien, sollten mit Absperrventilen, Zwischenschaltern oder verschließbaren Schränken schon in den frühen Krankheitsphasen ausgeschlossen werden. Auch das Heißwasser aus der Leitung sollte am Temperaturregler des Boilers niedrig eingestellt werden, da der Erkrankte in höheren Krankheitsphasen Schmerz nicht mehr als diesen interpretieren kann. Auch auf Stolperfallen, wie rutschige Läufer oder Teppiche mit hohen oder aufgeworfenen Rändern, sollten entfernt oder gesichert werden. Haltegriffe erhöhen die Sicherheit im Badezimmer. Treppen sollten mit stabilen Handläufen beidseitig gesichert sein. Auch Fenster und niedrige Geländer sollten zusätzlich gesichert werden.
Sollte der Erkrankte Raucher sein, sollten möglichst viele und große Aschenbecher in der Wohnung verteilt werden, Papierkörbe sollten durch Metalleimer ersetzt, Rauchmelder sollten angebracht und das Rauchen im Bett unbedingt unterbunden werden. In den höheren Krankheitsphasen sollte der Erkrankte nur noch unter Aufsicht rauchen, aber die Entwöhnung vom Tabak verläuft dann auch, wenn er mit Tabak und anderen Rauchern nicht mehr konfrontiert wird, erstaunlich schnell und problemlos.
Eine zuverlässige Medikamenteneinnahme kann schon in den früheren Krankheitsphasen nicht mehr möglich sein. Sinnvoll ist es, die Medikamente in einem Wochendispenser, der deutliche Aufteilungen für morgens, mittags, abends und nachts hat, vorzubereiten und dem Erkrankten, solange er damit noch umgehen kann, so auszuhändigen. In den mittleren Krankheitsphasen sollte die Medikamentengabe durch die Hauptpflegeperson oder schon, um den Erkrankten jetzt schon daran zu gewöhnen, von einem ambulanten Pflegedienst komplett übernommen werden.


4.10 Soziale Kontakte

Leider passiert es oft, dass sich pflegende Angehörige zusammen mit dem Erkrankten aus falscher Scham wegen des scheinbar befremdlichen Verhaltens des Erkrankten in Isolation zurückziehen. Aber regelmäßige Besuche, besonders von langjährigen Freunden, tun dem Erkranktem gut und helfen ihm dabei, länger in Verbindung mit der Vergangenheit zu bleiben. Auch dem pflegendem Angehörigen tun diese Besuche gut, denn jeder Freund, jedes aufbauende Wort, jede kleine Abwechslung und Entlastung geben dem pflegendem Angehörigen Kraft und Mut.
Man sollte sich wegen des Verhaltens des Erkrankten keinesfalls schämen, denn die Veränderungen des Menschen sind krankheitsbedingt. Verwandte und Freunde sollten schon frühzeitig über die Krankheit, die möglichen zu erwartenden Veränderungen des Erkrankten und entsprechenden Verhaltensregeln im Umgang mit dem Erkrankten aufgeklärt werden.
Statt den Kontakt abzubrechen, sollten Freunde und Verwandte schon frühzeitig in die Betreuung und Pflege integriert werden, denn umso weiter die Krankheit voranschreitet, umso schwerer wird die Pflege alleine durchführbar sein und umso schwerer wird es, neue Personen in die Pflege zu integrieren.


4.11 Inkontinenz

In den höheren Krankheitsphasen können das Gedächtnis und die eigene Körperwahrnehmung des Erkrankten soweit eingeschränkt sein, dass er entweder den Weg zur Toilette nicht mehr findet, diese mit der Urin- und Stuhlausscheidung nicht mehr in Verbindung bringen kann oder das er Stuhl- und Harndrang nicht mehr als diesen wahrnimmt.
Je weiter die Krankheit voranschreitet, desto mehr Hilfe benötigt der Erkrankte. Anfangs kann reichen, den Erkrankten alle drei bis vier Stunden daran zu erinnern, zur Toilette zu gehen. Später muss der Erkrankte zur Toilette geführt und darauf hingewiesen werden, dass er seine Blase und seinen Darm entleeren soll.
Bei der Blasenentleerung ist zu bedenken, dass auf Katheter verzichtet werden sollte, da der Erkrankte diesen oft als störend empfindet und ihn selbst entfernt, was zu Verletzungen der Blase oder der Harnröhre führen kann.
Bei der Stuhlentleerung sollten die Zeiten versucht werden weiter einzuhalten, zu denen der Erkrankte früher immer auf der Toilette abgeführt hat. Aber eine Stuhlentleerung alle zwei bis drei Tage kann schon ausreichend sein.
Auf Inkontinenzmaterial sollte so lange wie möglich verzichtet werden, da die Rückkehr zur Pflege ohne Inkontinenzmaterial meistens nicht mehr möglich ist. Nässt der Erkrankte aber zu oft ein, kann ihn das beschämen und verunsichern. Dann ist die Verwendung von Inkontinenzmaterial unumgänglich. Als sehr vorteilhaft haben sich hier so genannte Pants erwiesen, Windeln für Erwachsene mit Gummibündchen, die wie eine Unterhose getragen und hoch und runter gezogen werden können. Leider sind diese sehr teuer und werden nur zum Teil von der Krankenkasse bezahlt, tragen aber zur Selbständigkeit bei und erleichtern das Gewöhnen an Inkontinenzmaterial.


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Verfasst am 21.02.2007 03:45:11 Uhr
Leitfaden zum Umgang mit an Alzheimer erkrankten Menschen 2

4.12 Die Körperpflege

Schon in den mittleren Phasen der Erkrankung kann es dazu kommen, dass die Körperpflege vernachlässigt wird. Das liegt daran, dass der Erkrankte tatsächlich nicht mehr weis, ob er sich schon gewaschen hat oder nicht.
Anfänglich kann es reichen, den Erkrankten regelmäßig, und wenn möglich zur gleichen Uhrzeit, daran erinnert wird. Später ist eine Kontrolle und vielleicht auch Anleitung, und im weiterem Verlauf Hilfe dabei unumgänglich. Selbständigkeit sollte dabei möglichst gefördert und auch gelobt werden.
Dabei ist zu beachten, dass möglichst immer die gleiche, und an den Gewohnheiten des Erkrankten orientierten Reihenfolge eingehalten wird, da dies dem Erkrankten Sicherheit und Routine gibt, wodurch die Selbständigkeit und dadurch das Selbstwertgefühl gestärkt wird.
Um die Selbständigkeit zu erhalten, sollten, wenn nötig, nur möglichst kleine Handreichungen gemacht werden. Oft reicht es, die Waschutensilien vorzubereiten oder die Zahnpasta auf die Zahnbürste zu tun und den Erkrankten dann zum Waschen oder Zähneputzen aufzufordern, was auch in höheren Krankheitsphasen dann noch gelingen kann.
Um Verletzungen zu vermeiden, sollte beim Baden und Duschen die Wassertemperatur vorher geprüft werden. Auch ist bei Männern das Umstellen von Nass- auf Trockenrasur sinnvoll.
Gerade das Motivieren zum Baden und Duschen kann Probleme bereiten. Nicht nur, dass der Erkrankte nicht mehr weiß, wann er das letzte mal gebadet oder geduscht hat, sondern ein weitere Grund kann auch das Nachlassen der Riechfähigkeit oder das Unvermögen, Körpergeruch mit der Hygiene in Verbindung zu bringen sein. Druck sollte nur sanft und wenn möglich mit Humor ausgeführt werden. Manchmal kann es hilfreich sein, es einfach später noch mal zu versuchen. Bei pflegenden Lebenspartnern kann ein gemeinsames Bad oder Dusche zur Motivation dazu ausreichen.
In späteren Krankheitsphasen und bei Diabetikern sollte bei der Körperpflege regelmäßig die Haut kontrolliert werden, da der Erkrankte mögliche Wunden nicht merkt oder den Schmerz als solchen wahrnimmt.
Ein ambulanter Pflegedienst sollte schon möglichst früh in die Pflege involviert werden, da es später dem Erkrankten immer schwieriger fällt, neue Menschen bei der Hilfe zu akzeptieren. Nicht nur, dass die Übernahme der Körperpflege schon erheblich zur Entlastung des pflegenden Angehörigen beiträgt, Pflegedienste sind aber auch gute Ansprechpartner, die durch ihre Professionalität die Pflegeperson mit guten Ratschlägen zur Seite stehen können. Sowohl der Pflegeperson als auch dem Erkrankten kann dies auch ein Gefühl der Sicherheit und des Rückhaltes vermitteln.


5. Die pflegenden Angehörigen

5.1 Probleme von pflegenden Angehörigen


Etwa 80-90% aller Demenzerkrankten in Deutschland werden zu Hause gepflegt, wovon aber nur 13% professionelle Hilfe annehmen. Aber gerade die Betreuung und Pflege von an Alzheimer erkrankten Menschen fordert von den Angehörigen nicht nur eine körperlich belastende und zeitintensive Pflege sondern auch eine große psychische Belastung und psychischer Anpassungsleistung (z.B. Übernahme neuer, sozialer Rollen, Auseinandersetzung mit Persönlichkeitsveränderung des Erkrankten, Einschränkung der sozialen Kontakte). Nicht verwunderlich, dass 80% der pflegenden Angehörigen über viel Stress und dadurch verursachten Krankheiten klagen. Die Pflegepersonen von Demenzkranken klagen weitaus häufiger über körperliche Beschwerden, wie Erschöpfung, Herz- und Magenbeschwerden, als Pflegepersonen von weniger oder nicht dementen Menschen. Eine Studie der New York University School of Medicine (spouse-caregiving intervention study) hat ergeben, dass die Pflege von an Alzheimer erkrankten Menschen sehr oft zur Überlastung und dadurch zu Stress und Depressionen führt. Weitere Auswirkungen können soziale Isolation, andauernde Zukunftssorgen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Konzentrationsschwächen sein.
In ihrer Forschungsarbeit kamen Adler et al. Zu dem Ergebnis, dass sich bei den pflegenden Angehörigen soziale Isolierung, depressive Störungen und Körperbeschwerden in zum Teil sogar erheblichem Ausmaß fanden.
Die spouse-caregiving intervention study von 2004 zeigt deutlich die positiven Auswirkungen der Inanspruchnahme von regelmäßiger Teilnahme an individuellen und Familienberatungsgesprächen auf. Depressionen traten deutlich weniger auf, die Pflgepersonen fühlten sich erheblich wohler und der Umgang der Familienmitglieder untereinander verbesserte sich deutlich und die Lebensqualität der Pflegenden und der erkrankten Menschen war deutlich verbessert. Diese Effekte hielten für mehr als 3 Jahre an.


5.2 Hilfs- und Entlastungsmöglichkeiten

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten für pflegende Angehörige, sich beraten und helfen zu lassen. Wie bereits erwähnt, sind die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. , die Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. und die Alzheimer Forschung Initiative e.V. sehr hilfreiche und kompetente Beratungsstellen für Angehörige von an Alzheimer erkrankten Menschen, aber auch Ärzte, Psychiater und Sozialarbeiter können Ansprechpartner sein. Kranken- und Pflegekassen beraten auch bei Fragen der Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation.
In erster Linie aber sollten aber andere Angehörige und gute Freunde in die Pflege und Betreuung miteinbezogen werden.
Weiter gibt es in den meisten Gegenden regionale Angebote, wie Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, Angehörigentreffen etc.
Manche Gemeinden und Wohlfahrtsverbände bieten auch Nachbarschaftshilfe an, die Besuchs- und Einkaufsdienste anbieten.
Essen auf Rädern kann sinnvoll bei Menschen sein, die den Herd nicht mehr benutzen können bzw. sollten und auch, wenn die Betreuung eines erkrankten Menschens so aufwändig geworden ist, dass keine Zeit zum Kochen bleibt. Selbstverständlich können auch gesunde Menschen vom Angebot des Essens auf Rädern gebrauch machen. Aber auch eine Haushaltshilfe kann große Entlastung für einen pflegenden Angehörigen bringen.
Sozialstationen und ambulante Pflegedienste bieten nicht nur Hilfe bei der Körperpflege, sondern können auch Tätigkeiten im Haushalt verrichten, was zum Teil sogar von der Pflegekasse bezuschusst oder ganz bezahlt wird.
Manche Pflegedienste und Krankenkassen bieten Kurse für pflegende Angehörige an, in denen pflegerische Handgriffe gelehrt, und pflegerische Ratschläge erteilt werden. Auch offene Fragen können dort geklärt werden. Die Kosten hierfür werden durch die Krankenkassen erstattet.
Tagespflegeeinrichtungen können für einen pflegenden Angehörigen Freiräume zur Entspannung oder anderen anfallenden Arbeiten schaffen. Dies ist eine Einrichtung, in der gebrechliche und pflegebedürftige Menschen die Möglichkeit haben, an mehreren Tagen in der Woche betreut zu werden. Zu den Leistungen gehören Hol- und Bringdienste, Betreuung, Beschäftigungstherapie, Mahlzeiten und natürlich pflegerische Versorgung.
Die Kurzzeitpflege wird von den meisten Altenheimen angeboten. Diese umfasst eine kurzzeitige Unterbringung in einem Altenheim und bietet somit dem pflegendem Angehörigen die Möglichkeit, für wenige Wochen Entlastung zu finden, z.B. wenn man selbst krank wird oder in den Urlaub fahren möchte.


5.3 Die Anleitung pflegender Angehöriger

Nach §45 des Sozialgesetzbuches XI sollen durch die Krankenkassen Kurse für Angehörige und ehrenamtliche Pflegepersonen angeboten werden „(…)um soziales Engagement im Bereich der Pflege zu fördern und zu stärken, Pflege und Betreuung zu erleichtern und zu verbessern sowie pflegebedingte körperliche und seelische Belastungen zu mindern.“ Diese Kurse werden entweder direkt von den Krankenkassen, von Pflegediensten oder Verbänden, wie z.B. das Rote Kreuz oder Caritas, angeboten, und können auch in der häuslichen Umgebung des Pflegebedürftigen stattfinden. Dort werden pflegerische Grundlagen gelehrt, die nötig sind um einen Menschen zu pflegen. Aber auch offene Fragen oder individuelle Probleme bezüglich der Pflege können dort geklärt werden.
2003 habe ich die Weiterbildung „Individuelle Schulungen in der häuslichen Umgebung nach §45 SGB XI“ absolviert. Schulungsinhalte waren didaktische Grundlagen, Grundlagen und Arbeitstechniken der Kommunikation und Gesprächsführung, Grundlagen der Pädagogik, verschiedene Anleitungsmodelle und Teile der Qualitätssicherung.


5.4 Finanzierung und Finanzierungshilfen

Ab einen gewissen Hilfebedarf hat jeder Mensch Anrecht auf Hilfe durch die Pflegeversicherung. Je nach dem, wie groß der Hilfebedarf ist, erfolgt die Eingruppierung in eine Pflegestufe. Es gibt 3 Pflegestufen, 1 bis 3, und in besonderen Fällen gibt es noch die so genannte Härtefallreglung. Je höher die Pflegestufe, desto höher der Geldbetrag, der von den Pflegekassen z.B. für einen ambulanten Pflegedienst, zur Verfügung gestellt wird. Der Antrag zur Eingruppierung wird bei den Krankenkassen gestellt. Die Pflegekassen bezahlen darüber hinaus technische Pflegehilfsmittel und beteiligen sich an den Kosten für Umbaumaßnahmen des Wohnumfelds, die für eine häusliche Pflege erforderlich sein können. Pflegende können einen Pauschbetrag von 924 Euro jährlich bei der Einkommensteuer geltend machen, wenn sie für ihre Pflegeleistung keine Vergütung erhalten. Dies ist im Sozialgesetzbuch XI geregelt.
Leistungsanspruch für Personen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz ist eine finanzielle Unterstützung für Menschen mit einem erheblichen Bedarf an Betreuung und Beaufsichtigung, die zu Hause gepflegt werden. Sie haben einen weiteren Anspruch auf einen gewissen Geldbetrag durch die Pflege- bzw. der Krankenkasse. Ob ein Mensch Anrecht darauf hat, wird durch den medizinischen Dienst der Krankenkassen bestimmt. Dieser Geldbetrag kann aber nicht für die Körperpflege, sondern nur für betreuende Dienste, wie der Tagespflege, verwendet werden.
Chronisch erkrankte Menschen haben unter bestimmten Vorraussetzungen die Möglichkeit, von Zuzahlungen, wie z.B für Arzneimittel, Praxisgebühr etc. befreit zu werden.
Es gibt unter bestimmten Vorraussetzungen Steuererleichterungen sowohl für den erkrankten Menschen als auch für den pflegenden Angehörigen.
Für pflegende Angehörige gibt es unter gewissen Umständen die Möglichkeit, dass Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung gezahlt werden und sie kostenlos in der gesetzlichen Unfallversicherung versichert werden. Der Antrag dafür wird bei der Pflegeversicherung des pflegebedürftigen Menschen gestellt.


6. Zusammenfassung

Das Wichtigste in der Betreuung und Pflege von an Alzheimer erkrankten Menschen durch ihre Angehörigen ist, dass sie sich schon bei der Diagnosestellung ausreichend über der Krankheit und ihren Folgen und Auswirkungen informieren und damit auseinandersetzen. Freiräume scheinen anfangs nicht wichtig zu sein, sollten aber schon im Vorfeld geplant und gesichert werden, denn mit dem schleichendem Verlauf der Krankheit schleicht sich auch die Überlastung allmählich ein, worauf der Zusammenbruch folgt. Und bricht die Pflegeperson zusammen, bricht die komplette häusliche Pflege zusammen. Ohne Grundwissen und professionelle Hilfsannahme ist dies absolut absehbar.



7. Literaturverzeichnis

Adler, C., Gunzelmann, T., Machold, C., Schumacher, J., & Wilz, G. (1996): Belastungserleben pflegender Angehöriger.
Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 29, S.143-149

Buijssen, H. (1993): Die Beratung von pflegenden Angehörigen, Boom, Amsterdam

Förstl, H. (2001): Demenzen in Theorie und Praxis, Berlin/Heidelberg/New York

Füsgen, I. (2001): Umgang mit dem Demenzkranken, München, Sonderdruck aus Demenz. Praktischer Umgang mit Hirnleistungsstörungen, München,
4., neu bearbeitete Auflage

Gräßel, E. (1998): Häusliche Pflege dementiell und nicht dementiell Erkrankter. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 31, S.52-62

Grond, E. (1998): Pflege Demenzkranker, Hagen

Krämer, G. (1995): Alzheimer Kranke betreuen – Praktische Ratschläge für den Alltag, Stuttgart

Pschyrembel (1994), 257. Auflage, Hamburg

Schaller, A. (2003): Umgang mit chronisch verwirrten Menschen, Hannover,
2., überarbeitete und erweiterte Auflage

Wilz, G., Schumacher, J., Machold, C., Gunzelmann, T. & Adler, C. (1998): Angehörigenberatung bei Demenz – Erfahrungen aus der Leipziger Studie. In Kruse, A. (Hrsg.), Psychosoziale Gerontologie, S. 232-250, Göttingen


8. Internetverzeichnis

http://www.alois.de Stand August 2005
http://www.altern-in-wuerde.de Stand August 2005
http://www.alzheimerforum.de Stand August 2005
http://www.alzheimer-forschung.de Stand August 2005
http://www.alzheimerinfo.de Stand August 2005
http://www.alzinfo.org Stand August 2005
http://www.christian-doppler-klinik.at Stand August 2005
http://www.deutsche-alzheimer.de Stand August 2005
http://www.neuroscience.unizh.ch Stand August 2005
http://www.nuklearmedizin.de Stand August 2005
http://www.patientenleitlinien.de Stand August 2005
http://www.progenomics.de Stand August 2005
http://www.psychiatriegespraech.de Stand August 2005
http://www.ruhr-uni-bochum.de Stand August 2005
http://www.sozialgesetzbuch.de Stand August 2005
http://www.uni-leipzig.de Stand August 2005
http://www.w3.whosea.org Stand August 2005
http://www.50plus.at Stand August 2005


Anhang 1.
Schweregrad eines Demenzsyndroms in Anlehnung an das ICD-10


Leicht: Herabgesetztes Lernen neuen Materials; z.B. Verlegen von Gegenständen, Vergessen von Verabredungen und neuer Informationen;
Unabhängiges Leben möglich; komplizierte tägliche Aufgaben und Freizeitbeschäftigungen können nicht mehr ausgeführt werden

Mittelgradig: Nur gut gelerntes und vertrautes Material wird behalten; neue Informationen werden nur gelegentlich und sehr kurz erinnert; Patienten sind unfähig, grundlegende Informationen darüber, wie, wo sie leben, was sie bis vor kurzem getan haben, oder Namen vertrauter Personen zu erinnern;
Ernste Behinderung unabhängigen Lebens, selbständiges Einkaufen oder Umgang mit Geld nicht mehr möglich; nur noch einfache, häusliche Tätigkeiten möglich

Schwer: Schwerer Gedächtnisverlust und Unfähigkeit, neue Informationen zu behalten; nur Fragmente von früher Gelerntem bleiben erhalten; selbst enge Verwandte werden nicht mehr erkannt Fehlen nachvollziehbarer Gedankengänge


Anhang 2.
Tabelle 1.
Prävalenz von Demenzen nach dem Alter (Bickel 2000)


Altersgruppe:65 – 69; Mittlere Prävalenzrate (%): 1,2 (Schätzung der Krankenzahl in Deutschland: 48.000)
Altersgruppe:70 – 74; Mittlere Prävalenzrate (%): 2,8(Schätzung der Krankenzahl in Deutschland: 99.000)
Altersgruppe:75 – 79; Mittlere Prävalenzrate (%): 6,0(Schätzung der Krankenzahl in Deutschland:171.000)
Altersgruppe:80 – 84; Mittlere Prävalenzrate (%):13,3(Schätzung der Krankenzahl in Deutschland:173.000)
Altersgruppe:85 – 89; Mittlere Prävalenzrate (%):23,9(Schätzung der Krankenzahl in Deutschland:272.000)
Altersgruppe:90 und älter; Mittlere Prävalenzrate (%):34,6(Schätzung der Krankenzahl in Deutschland:172.000)
Altersgruppe:65 und älter; Mittlere Prävalenzrate (%):7,2(Schätzung der Krankenzahl in Deutschland:935.000)

Als Prävalenz wird die Anzahl der Kranken in der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt bezeichnet. Nach umfangreichen Studien in Deutschland und aus anderen Industrieländern leiden 6-9% der Bevölkerung über 65 Jahre an einer Demenz, was auf Deutschland bezogen eine Gesamtzahl von 800.000 bis 12.000.000 Erkrankte bedeuten würde.


Tabelle 2..
Inzidenz von Demenzen nach dem Alter (Bickel 2000)


65 – 69 Mittlere Inzidenzrate pro Jahr (%): 0,43;Schätzung für die jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland für 1999: 17.000
70 – 74 Mittlere Inzidenzrate pro Jahr (%): 0,88;Schätzung für die jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland für 1999: 30.000
75 – 79 Mittlere Inzidenzrate pro Jahr (%): 1,88;Schätzung für die jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland für 1999: 50.000
80 – 84 Mittlere Inzidenzrate pro Jahr (%): 4,09;Schätzung für die jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland für 1999: 46.000
85 – 89 Mittlere Inzidenzrate pro Jahr (%): 6,47;Schätzung für die jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland für 1999: 56.000
90 und älter Mittlere Inzidenzrate pro Jahr (%): 10,11;Schätzung für die jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland für 1999: 32.000
65 und älter Mittlere Inzidenzrate pro Jahr (%):1,9;Schätzung für die jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland für 1999: 231.000

Inzidenz bedeutet hier die Anzahl von Menschen, die innerhalb eines Jahres neu erkranken.


Anhang 3.
Mini-Mental-Status nach Folstein


Der von Folstein und Mitarbeitern ausgearbeitete Fragebogen hilft bei der Einschätzung, ob bei einem Menschen Verdacht auf Demenz besteht. Er ist seit 1975 als international anerkannter Test in Verwendung.

(Jede richtig beantwortete Frage gibt einen Punkt)

1. Welcher Wochentag ist heute?
2. Welches Datum?
3. Welcher Monat?
4. Welche Jahreszeit?
5. Welches Jahr?
6. Wo sind wir hier? (zuhause, Spital, Heim)
7. Welches Stockwerk?
8. In welchem Ort, in welcher Stadt?
9. In welchem Bundesland?
10. In welchem Land?
11. Sprechen Sie nach (1 Wort pro Sekunde; bei Verständnisschwierigkeiten bis zu 5mal vorsagen)
11."Zitrone"
12."Schüssel"
13."Ball"
14. Rechnen Sie (jede richtige Subtraktion vom subjektiv richtigen Rechenergebnis zählt als ein Punkt): 100 weniger 7
15. weniger 7
16. weniger 7
17. weniger 7
18. weniger 7
19. Welche waren die drei Wörter, die vorhin nachzusprechen waren? wenn "Zitrone" genannt wird
20. wenn "Schüssel" genannt wird
21. wenn "Ball" genannt wird
22. Was ist das? (Bleistift oder Kugelschreiber wird vorgezeigt)
23. Was ist das? (Uhr wird vorgezeigt)
24. Sprechen Sie nach: "Bitte keine Wenn und Aber."
25. Ausführen von Befehlen
25. Nehmen Sie ein Blatt Papier!
26. Falten Sie es in der Mitte!
27. Leben Sie es auf den Boden!
28. Lesen und anschliessendes Ausführen eines auf Papier gut lesbaren Befehls
28. "Schliessen Sie die Augen!"
29. "Schreiben Sie auf dieses leere Blatt irgendeinen Satz"
30. "Zeichnen Sie auf dieses leere Blatt eine Figur"

Auswertung:
24 bis 30 Punkte: normal
weniger als 24 Punkte: beginnender geistiger Abbau, leichtgradige Demenz
weniger als 17 Punkte: Demenz

Anhang 4.
Uhrentest


Anweisung zur Duchführung

1. Geben Sie dem Patienten ein Blatt Papier mit einem vorgezeichneten Kreis. Zeigen Sie ihm, wo oben und unten ist.

2. Geben Sie dem Patienten folgende Anweisung: " Dies soll eine Uhr sein. Ich möchte Sie bitten, in diese Uhr die fehlenden Ziffern zu schreiben. Zeichnen Sie danach die Uhrzeit '10 nach 11' ein".

3. Machen Sie sich Notizen zur Ausführung der gestellten Aufgabe (Reihenfolge, Korrekturen etc.).

4. Zeigen Sie die angefertigte Zeichnung und ihre Notizen einem Arzt. Dieser kann anhand dessen feststellen, ob ein Hinweis auf eine Demenz-Erkrankung vorliegt.


Anhang 5.
Praktisches Vorgehen zur Diagnose der AD nach den ICD-10 Kriterien


1) Liegt eine Demenz vor? (Fremd-) Anamnese: Ja
2) Vaskuläre Hirnerkrankung? Anamnese, neurologische Symptome und Zeichen CT oder MRT? Nein
3) Morbus Parkinson? Rigor, Tremor, auffallende Bradyphrenie: Nein
4) Chorea Huntington? Positive Familienanamnese, Chorea: Nein
5) Normaldruckhydro-
zephalus? Fluktuierender Verlauf, Gangstörungen, Inkontinenz
CT oder MRT? Nein
6) Andere Hirnerkrankungen? Infektion, Tumor…
CT oder MRT? Nein
7) Systemische Erkrankungen? Klinische Hinweise? Laborprogramm: T4, TSH, B12, Folsäure, Elektrolyte, Glukose…: Nein
8) Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit? Genaue Alkoholanamnese, Benzodiazepine…: Nein



Anhang 6.
„Altersvorsorgevollmacht


Ich bevollmächtige meine Ehefrau A und meinen Sohn B, je einzeln, mich in allen Vermögens-, Renten-, oder Versorgungs-, Steuer- und sonstigen Rechtsangelegenheiten in jeder denkbaren Richtung zu vertreten. Die Vollmacht berechtigt insbesondere zur Verwaltung meines Vermögens, zur Verfügung über Vermögensgegenstände, zum Vermögenserwerb, zum Inkasso, zum Abschluss eines Heimvertrages oder einer ähnlichen Vereinbarung, zur Auflösung des Mietverhältnisses über meine Wohnung, zur Beantragung von Renten oder von Versorgungsbezügen oder von Sozialhilfe, zu geschäftsähnlichen Handlungen und zu allen Verfahrenshandlungen.

Schenkungen können in dem Rahmen vorgenommen werden, der einem Betreuer gesetzlich gestattet ist. Über Grundbesitz können die beiden Bevollmächtigten nur gemeinschaftlich verfügen.

Die Bevollmächtigung gilt nur, wenn der Bevollmächtigte das Original vorlegen kann.

Jeder Bevollmächtigte darf in meinem Namen auch die mir gegenüber dem anderen Bevollmächtigten zustehenden Rechte geltend machen, ausgenommen den Widerruf der Vollmacht des anderen. Er kann im Einzelfall Untervollmacht sowie mich und einen Dritten gleichzeitig vertreten.

z.B.: Ohne Wirkung auf die Geltung der Vollmacht, nach außen ist mein Sohn B Hauptbevollmächtigter, während meine Ehefrau A meine Rechte gegenüber dem Hauptbevollmächtigten wahrnehmen soll, außer die beiden vereinbaren etwas anderes.

Die Vollmacht und der ihr zugrunde liegende Auftragsverhältnis bleiben in Kraft, wenn ich geschäftsunfähig geworden sein sollte oder wenn ich nicht mehr lebe.

Die Vollmacht ist stets widerruflich.

Ort/Datum/Unterschrift mit Geburtsdatum und Anschrift“




Wichtig:
Banken erkennen in der Regel eine Vollmacht nur an, wenn die Unterschrift des Vollmachtgebers bankintern oder notariell beglaubigt ist. Soll die Vollmacht auch zur Grundstücksverfügung berechtigen, so muss sie notariell beglaubigt oder beurkundet werden.

Zur Gestaltung einer Vorsorgevollmacht können der Rat eines Notars oder Anwalts eingeholt werden. Über Bankvollmachten erteilen auch Banken und Sparkassen Auskünfte.


Anhang 7.
Persönliche Erklärung


Ich versichere, dass ich die Arbeit ohne fremde Hilfe
Angefertigt und mich anderer als der von mir angegebenen
Schriften und Hilfsmitteln nicht bedient habe.



XXX, den 12.09.2005, Unterschrift


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Verfasst am 20.02.2007 23:47:36 Uhr
Supervision
Kübler (1986) erzählte eine kleine Geschichte über ein Dorf, in dem ständiger Unfriede und Zank um Recht und Wahrheit herrschte. Schliesslich bat man den Dorfältesten, der blind war, um Hilfe. Nach einigen Vorbereitungen bestellte er die Dorfbewohner zu sich. Er sprach: “Wenn ihr hier zum Hinterausgang geht, werdet ihr in ein dunkles Zelt kommen. Darin findet ihr ein fremdartiges Tier. Es brauche die Dunkelheit, denn es scheut so viele Berührungen bei Licht. Geht also alle hinein, ertastet es und lernt so dieses Tier kennen. Sagt mir danach, wie es aussieht, dann werde ich euch sagen, was die Wahrheit ist.“
Alle gingen hinein. Als sie heraus kamen, hatte jeder eine andere Meinung, wie das Tier aussieht. Einer hielt das Tier für weich, biegsam und anschmiegsam, ein anderer für eine große Schlange. Einer meinte, das Tier sei wie eine Säule, fest und unerschütterlich. Und wieder stritten sie sich und wollten vom alten Mann wissen, wer nun Recht hat. Dieser sagte leise: „Ihr habt alle recht. Ihr habt euch alle auf eure Finger und Hände verlassen. Habt ihr keine Nase oder Augen? Ihr habt die Wahrheit geteilt und daher alle recht.“ Es stellte sich schliesslich heraus, dass dieses merkwürdige Tier ein Elefant war. Der Alte sprach: „Nun, hat einer von euch gelogen? Aber wer von euch hat wirklich die Wahrheit gesagt? Wahrheit ist unteilbar, doch nur wahrhaftige Menschen werden sie in ihrer ganzen Grösse erfahren.“
Streiten Helfer nicht oft über Hilfesuchende/Hilfeempfänger, was für sie die „richtige“ Behandlungs- und Betreuungsweise ist, und verhindern so, gemeinsam das wirklich für den Patienten „Nützliche“ und „Wahre“ zu erkennen und dies dann auch zu tun?
Auch in meinem Referat geht es darum, eine Art der Konfliktbewältigung zwischen Helfern und zwischen Helfern und Hilfeempfängern aufzuzeigen:

DIE SUPERVISION

1. Was ist das?
Wir alle kommen während der Ausübung unseres schweren Berufes in Situationen, in denen wir meinen, dass etwas nicht stimmt, dass etwas nicht so gut läuft, wo wir der Meinung sind Fehler zu begehen. Wir kommen auch in Situationen, in denen unsere Frustrationstoleranz niedrig ist, in denen wir unschlüssig und unfreundlich zu Bewohnern/Patienten und/oder zu deren Angehörigen sind.
Wir alle wissen, dass die Weiterleitung dieser (hoffentlich) zeitlich begrenzten negativen Stimmung an andere Menschen wie Kollegen, Bewohner/Patienten und deren Angehörigen völlig zu Unrecht geschieht, aber auch wir sind nur Menschen. Und eben, weil wir nur Menschen sind, haben besorgte Mitmenschen eine Möglichkeit geschaffen, eine Art Ventil für negative Arbeitseinflüsse zu schaffen und ihr den fürchterlichen und abschreckenden Namen „Supervision“ gegeben. Dabei kann gerade die Supervision so einiges leisten.

Das Wort Supervision ist abgeleitet aus dem Lateinischen:

Super = über/darüber
Vidre = sehen/anblicken/erscheinen

Schlägt man das Englischwörterbuch auf, wird der Begriff „Supervision“ mit „Aufsicht, Oberaufsicht“ übersetzt, was auch der lateinischen Bedeutung entspricht. Dies führt bei Menschen, die noch nie Supervision praktiziert haben, leider zu Fehlinterpretationen wie „Kontrolle“, „Arbeitsanweisung“, „Überwachung“, „Fehlersuche“ u.Ä. Dabei praktizieren wir unbewusst eine abgespeckte Art der Supervision fast täglich:
„Stell Dir mal vor, was mir passiert ist…“ beinhaltet erstmal die unterschwellige Botschaft, gut zuzuhören. Sieht man den Satz dann noch wortbildgetreu, so überreiche ich dem Anderen etwas, was er vor sich hinstellen und aus einiger Distanz betrachten, also „über-betrachten“ soll.

Aufgrund der Vielfalt der unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen, des Verständnisses sozialarbeiterischen Tuns und der verschiedenen Ansätze der Profession der Supervisoren ist es verständlich, dass es keine allgemein gültige Definition der Supervision gibt.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGfP) gibt folgende Definition: „Supervision ist die Besprechung und Anleitung der therapeutischen Intervention im Hinblick auf Problemangemessenheit und regelgerechte Durchführung. Evaluation ist die Beurteilung der Effekte der therapeutischen Intervention anhand möglichst objektiver und zuverlässiger Kriterien“ (Zöllner 1992).
Ich möchte Supervision hier kurz mit einer Definition umreissen, die ich wesentlich von G.Fatzer übernehme: Supervision stellt ein Verfahren dar, bei dem Einzelpersonen, Teams/Gruppen oder Organisationen mit Hilfe eines Supervisors arbeitsbezogene Problemstellungen in Verbindung mit Team- oder Organisationsdynamik reflektieren. Von ihrer Zielsetzung her soll sie Unterstützung in immer komplexer werdenden Situationen in Organisationen sein, weiter Unterstützung im Bereich des Lernens und Leitens, nicht aber der Legitimation und Kontrolle.
Supervision ist also die Reflexion der eigenen Berufs- oder Beratungspraxis, meistens anhand von Fallbeispielen der TeilnehmerInnen. Sie kann einzeln oder in Gruppen stattfinden. Wesentliche Merkmale sind:

-die Leitung durch eine ausgebildete Supervisorin/Supervisors
-die Anwendung anerkannter Reflexionsmethoden
-die Betrachtung auf drei Ebenen:

1) Die eingebrachte Fragestellung und mögliche Antworten
2) Die psycho- und soziodynamischen Anteile des/der FragestellerIn und
3) Die Einflüsse und Wirkung auf das ganze zu beratende System (Konfliktparteien, Abteilung/Station, Betrieb/Heim oder Pflegedienst etc.) nach Maßgabe der Notwendigkeit

2. Formen der Supervision
Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Supervision.

1) Die Einzelsupervision: Der Supervisor arbeitet mit einer Einzelnen Person. Sie wird oft von Führungskräften bevorzugt.

2) Die Teamsupervision: Der Supervisor arbeitet mit einer kleinen Einheit zusammen, z.B. Mitarbeiter einer Station

3) Die Gruppensupervision: Der Supervisor arbeitet mit einer Berufsgruppe zusammen, z.B. Stationsleiter, Pflegedienstleiter, Sozialarbeiter

4) Die Balintgruppe: Der Supervisor arbeitet mit Teilnehmer unterschiedlicher Berufsgruppen aus verschiedenen Bereichen zusammen.

5) Die Peer-Gruppe: Die Supervisanten gehen methodisch vor, jedoch ohne die Leitung durch einen Supervisors; sie supervisieren sich gegenseitig.

6) Weitere, aber eher seltener vorkommende Formen der Supervision: Die psychoanalytisch orientierte Supervision, die TZI-orientierte Supervision, die gestalttherapeutisch orientierte Supervision, die systemisch orientierte Supervision, Supervision mit persönlich-elektischen Ansätzen, und Andere.

Weiter gibt es die Möglichkeit des internen und externen Supervisors, wobei ein interner Supervisor nur bei sehr großen Institutionen, wie z.B. ein Landeskrankenhaus, in Frage kommt.

In Anbetracht der Vielfalt der Supervisionsvarianten und theoretischen Konzepten stellt sich die Frage, welche die Richtige ist. Die Auswahl sollte sich am Problem selbst orientieren und sollte ausgiebigst mit dem Supervisor und dem Team im Vornherein geklärt werden, da es oft vorkommt, dass die Inhalte im Verlauf des Supervisionsprozesses wechseln und z.B. aus einer Teamsupervision eine Gruppensupervision werden kann.

3. Worum geht es?
Supervisionen bieten die Möglichkeit
-eine unklare, oft mit Konflikten besetzten Situation, deren Thema, Personen und Prozesse genauer zu betrachten,
-dabei auch hinter die Kulissen eines oft nebulösen Geschehens zu wagen, und
-„schnelle“ Oberflächenerklärungen, sowie Haltungen und Verhaltensweisen nach und nach mit besseren, tiefgründigeren Erklärungen abzustimmen.

Es geht nicht um Perfektion, sondern um Schärfung der eigenen Wahrnehmung, um Reflexion und Erkenntnis. Es geht um Antworten und Selbstverantwortung. Es geht um eigene gute Ergebnisse und die einer Organisation, um gemeinsame Ergebnisse von Teams. Es geht ums Lernen-Können, damit „eingeschliffene“ Muster sich nicht ständig wiederholen.
Es geht darum, sich selbst besser kennen zu lernen, damit man nicht mehr über eigene Fallstricke und die der anderen stolpert. Es geht auch darum, zu sehen, wann man selbst Fallstricke auslegt – für sich und andere.

Supervisionen sind als kollegiales Feedback zu verstehen. Sie geben die Möglichkeit zur Rekonstruktion und gedanklicher Verarbeitung eines Geschehens. Sie sind eine Form berufsbegleitender Beratungs-, Bildungs- und Betreuungsarbeit, die als Ziel die Erweiterung der beruflichen Handlungskompetenz und die befriedigende Gestaltung von Arbeitsbeziehungen anstrebt. Das Arbeitsfeld mit seinen Strukturen, Wirkungsweisen und Problemstellungen wird aus verschiedenen, oft uns selbst verborgenen Blickwinkeln betrachtet, womit die persönlich-berufliche Weiterentwicklung und Qualifizierung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gewährleistet, und das kreative Denken gefördert wird, womit neue berufliche Sichtweisen entdeckt und erprobt werden können. Die Kreativität, Intuition und Phantasie wird gefördert, damit man besser mit Patienten/Bewohnern, Angehörigen und nicht zuletzt mit sich selbst besser umgehen kann.
Man lernt, seine eigene Arbeit zu schätzen.
Supervision hilft also dabei,
-belastende berufliche Konflikte zu verstehen und zu verarbeiten,
-sich mit verschiedenen Anforderungen (z.B. Rollenwechsel, Rollenkonflikte, Umstrukturierungen) auseinander zusetzen,
-die eigene, persönliche Kompetenz weiterzuentwickeln,
-eigene Ziele zu formulieren und mit anderen zu koordinieren und
-zur eigenen Zufriedenheit an der beruflichen Weiterentwicklung zu arbeiten.

4. An wen richtet sich Supervision?
Als Anwendungsfeld der Supervision kommen alle Berufszweige in Frage, die vermehrt mit anderen Menschen, intern oder extern, zu tun haben und zusätzlich besonderen Belastungen ausgesetzt sind, was besonders den pflegerischen Bereich betrifft, egal ob Altenhilfe, Behinderten- oder Krankenpflege oder im psychiatrischem Bereich, da Mitarbeiter dieser Bereiche sowohl starken körperlichen, psychischen als auch starken sozialen Belastungen ausgesetzt sind. Aber jeder Berufszweig, der mit internen Problemen zu kämpfen hat, kann einen Supervisor zur Hilfe bitten.

5. Warum gerade wichtig im pflegerischen Bereich?
a) körperliche Belastung im pflegerischen Bereich:
-Kontakt mit chemischen und physikalischen Schadstoffen (z.B. Desinfektions- und Reinigungsmittel), mit Blut und Exkrementen (Ansteckungsgefahr!)
-ungünstige Klima- und Lichtverhältnisse
-lange und/oder häufige Wegstrecken
-Schichtarbeit und überlange Dienstzeiten, Nacht- und Bereitschaftsdienst, nicht vorausplanbare Wochenenddienste, Teildienste, Verschiebungen von Urlaub wegen Personalmangels etc.
-schwere körperliche und einseitige Belastungen bei anstrengender Körperhaltung
-Aushalten körperlicher Aggressionen und unerwartetes Schlagen von Patienten; dauerhaftes, unerwartetes oder intervallartig auftretendes Schreien und/oder Rufens der Patienten

b) psychisch Belastung im pflegerischen Bereich:
-Wechsel von Phasen von schnellen Arbeitens mit langsameren sowie unterschiedlich vielen Aufgaben; häufige und unerwartete „Störungen“ des Arbeitsablaufs durch akute Ereignisse (z.B. Gespräche mit Patienten und Angehörigen, Telefonate, Versorgung von Notfällen, Neuaufnahmen), d.h. Arbeiten auch unter Zeitdruck bei hoher Konzentration und psychischer Angespanntheit bei gleichzeitig hoher Verantwortung
-Störung des Biorhythmus durch Schichtarbeit und unerwartete Arbeitszeitänderungen durch „Einspringen“ bei Krankheit anderer Mitarbeiter
-wenig Möglichkeit zum Abschalten während der Arbeit
-unklare Aufgabenverteilung und oft ungenügende (ärztliche) Informationen über den Patienten mit keinem oder sehr mangelhaftem Feedbacks von Vorgesetzten, ob eine Intervention zum Erfolg geführt hat
-Kein oder mangelhaftes positives Feedback und Lob seitens der Vorgesetzten, Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern
-Wenig Hilfe im Umgang mit Krankheit und Tod und den Angehörigen von Sterbenden und Verstorbenen
-wenig konkrete Erfolgserlebnisse; Empfinden von sinnloser Tätigkeit; Schuldgefühl, nicht genug für den Patienten getan zu haben
-wenig Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung und beruflichen Aufstiegs
-Verstärkung vorhandener psychischer Schwierigkeiten des Helfers durch psychischen Störungen des Hilfesuchenden
-Durchführung von Zwangsmassnahmen bei Patienten wie Zwangsernährung, Medikamentengabe unter Zwang, Fixierungen
-Hilflosigkeit z.B. bei fordernden Patienten und Angehörigen, Ablehnung von Therapie von Patienten, Aushalten von Ärger und Misstrauen der Patienten und deren Angehörigen gegenüber der Institution
-qualitative Unter- oder Überforderung
-wenig „Spielraum“ für eigenverantwortliches und selbständiges Arbeiten verstärkt durch hierarchisch-bürokratische Organisationsstruktur; keine Mitentscheidungsbefugnisse bei arbeitsplatzverändernden und betrieblichen Entscheidungen; Kein oder kaum Einfluss auf den Arbeitsablauf und Dienstplangestaltung
-Überforderung nicht qualifizierter Mitarbeiter durch Arbeiten, für die sie nicht ausgebildet sind
-zunehmendes Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis (Möglichkeiten der Gerontologie und „Stationsalltag“)

c) soziale Belastung im pflegerischen Bereich:
-Rollenkonflikte (z.B. „Sandwichposition“ der Stationsleitung; verschiedene Rollen einer Person wie Vorgesetzter und Freund eines Untergebenen)
-Rollenüberforderung (insbesondere bei Personalmangel; der Helfer muss unvereinbare Gegensätze wie aktivierende Pflege und „keine Zeit“ zusammen bringen)
-Schwierigkeiten und Ärger in Interaktion und Kommunikation mit Kollegen, Vorgesetzten, Untergebenen, Träger
-soziale Isolation (z.B. alleine im Nachtdienst; wenig Kontakt zu Freunden wegen Schichtdienst und Wochenendarbeit)
-häufiger Personalwechsel
-kurzzeitige Versetzung, Einspringen auf anderen Stationen u.A.
-mangelnde soziale Anerkennung pflegerischer Berufe und ihrer Arbeitsfelder, insbesondere der Altenhilfe
-„Krankfeiern“ (NICHT krank-sein) von Mitarbeitern aus unterschiedlichsten Gründen (z.B. kurzzeitiger Versetzung), das zu einer Verschlechterung des Arbeitsklimas führt
-schlechte Bezahlung für Nacht- und Schichtdienst, Einspringen im Notfall, Verlegung von Urlaub, Arbeiten zu ungünstigen Zeiten
-wenig soziale Unterstützung bei Wohnungsbeschaffung, Kindergartenplätze u.a. durch den Träger
-wenig Aktivitäten und Einfallslosigkeit der Vorgesetzten und Träger bei der Werbung von Personal
6. Wo sollte Supervision stattfinden?
Ist auch ein neutraler Rahmen für eine Supervision am geeignetsten, so findet in der Regel eine Teamsupervision (z.B. im Unterschied zu einer Einzel- oder Gruppensupervision) in einem Raum der Institution statt. Wichtig hierbei ist, dass die Teammitglieder nicht ständig aus der Supervision herausgerufen werden können. Ein Stationszimmer ist daher ein sehr ungeeigneter Raum. Geeigneter ist ein Gruppenraum, in welchem kein Telefon steht, ein Raum auf einer anderen Station u.ä. Sinnvoll ist es, dass äussere Störungen (z.B. Notrufe, „Piepser“ , Handys etc.) möglichst ausgeschaltet werden. Wichtig ist natürlich auch, dass für jeden Teilnehmer genügend Platz vorhanden ist, die Sitzgelegenheiten zumutbar sind, es sich um keinen Abstellraum, Kellerraum o.ä. handelt.

7. Freiwillig oder Pflicht?
Wünschenswert wäre natürlich, dass alle Mitarbeiter freiwillig an den Supervisionssitzungen teilnehmen. In der Regel ist dies auch der Fall, da die Sitzungen im Rahmen der Dienstzeiten stattfinden und die Mitarbeiter sich gegenseitig motivieren. Bestehen von einem oder mehreren Mitarbeitern grundsätzliche Bedenken, so sollten die Gründe hierfür ernsthaft besprochen werden. Kommt kein Konsens zustande, sind Zielvorstellungen einer Teamsupervision in Frage gestellt. Ob die Supervision dennoch beginnen soll, kann nur im Einzelfall geklärt werden.

8. Wie sieht der zeitliche Rahmen aus?
Die Supervision ist ein Prozess!
Daher sollte sie nicht nur wenige Stunden durchgeführt werden, sondern man sollte sich, zumindest vorläufig, auf einen bestimmten Zeitraum einigen. Man sollte sowieso erstmal einige (ca. 3-5) „Probesitzungen“ stattfinden lassen, und sich dann auf einen bestimmten Zeitraum festlegen.
Erforderlich sind sicher zwei bis drei Jahre, wobei der Rhythmus (z.B. wöchentlich bis einmal monatlich) abzusprechen ist. Wünschenswert wäre, dass eine Supervision im 14tägigem Rhythmus stattfindet, wobei es aber besser ist, einen Termin im Monat zu finden, an dem alle Mitarbeiter können, statt eines kürzerer zeitlicher Abstandes an dem nur ein Teil teilnehmen kann.
Die Sitzungen selbst sind zeitlich klar zu begrenzen. Erfahrungsgemäß sind ein bis zwei Stunden anzusetzten.

9. Kosten vs. Nutzen
Diskrepanzen im Team oder mit Bewohnern/Patienten und/oder Angehörigen können auf verschiedenem Wege angegangen werden, z.B. mit dem „Austausch“ eines oder mehrerer Mitarbeiter. Oder man erörtert das Problem selbst, und das am Besten mit professioneller Hilfe in Form von Supervision.
Eine eineinhalbstündige Sitzung kostet, je nach Supervisor und Ort der Supervision, ca. 100-250€ inklusive Anfahrtszeit und –kosten.
Dabei ist natürlich zu bedenken, dass ein in allen Bereichen eingearbeiteter Mitarbeiter einen erheblich höheren Wert für den Arbeitgeber hat, da sich die Kosten für Werbung und Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters auf ca. 5000-15000€ belaufen und das „Ersetzen“ eines Mitarbeiters immer für Unruhe und Unsicherheit im Team sorgt.
Im Einzelfall kann auch im Team diskutiert werden, ob nicht die Mitarbeiter für einen Teil der Kosten für die Supervision aufkommen können und wollen.




Die Vortragsversion (Vorlesungsskript)

Kübler (1986) erzählte eine kleine Geschichte über ein Dorf, in dem ständiger Unfriede und Zank um Recht und Wahrheit herrschte. Schliesslich bat man den Dorfältesten, der blind war, um Hilfe. Nach einigen Vorbereitungen bestellte er die Dorfbewohner zu sich. Er sprach: “Wenn ihr hier zum Hinterausgang geht, werdet ihr in ein dunkles Zelt kommen. Darin findet ihr ein fremdartiges Tier. Es brauche die Dunkelheit, denn es scheut so viele Berührungen bei Licht. Geht also alle hinein, ertastet es und lernt so dieses Tier kennen. Sagt mir danach, wie es aussieht, dann werde ich euch sagen, was die Wahrheit ist.“
Alle gingen hinein. Als sie heraus kamen, hatte jeder eine andere Meinung, wie das Tier aussieht. Einer hielt das Tier für weich, biegsam und anschmiegsam, ein anderer für eine große Schlange. Einer meinte, das Tier sei wie eine Säule, fest und unerschütterlich. Und wieder stritten sie sich und wollten vom alten Mann wissen, wer nun Recht hat. Dieser sagte leise: „Ihr habt alle recht. Ihr habt euch alle auf eure Finger und Hände verlassen. Habt ihr keine Nase oder Augen? Ihr habt die Wahrheit geteilt und daher alle recht.“ Es stellte sich schliesslich heraus, dass dieses merkwürdige Tier ein Elefant war. Der Alte sprach: „Nun, hat einer von euch gelogen? Aber wer von euch hat wirklich die Wahrheit gesagt? Wahrheit ist unteilbar, doch nur wahrhaftige Menschen werden sie in ihrer ganzen Grösse erfahren.“
Streiten Helfer nicht oft über Hilfesuchende/Hilfeempfänger, was für sie die „richtige“ Behandlungs- und Betreuungsweise ist, und verhindern so, gemeinsam das wirklich für den Patienten „Nützliche“ und „Wahre“ zu erkennen und dies dann auch zu tun?
Auch in meinem Referat geht es darum, eine Art der Konfliktbewältigung zwischen Helfern und zwischen Helfern und Hilfeempfängern aufzuzeigen:

DIE SUPERVISION

Wir alle kommen während der Ausübung unseres schweren Berufes in Situationen, in denen wir meinen, dass etwas nicht stimmt, dass etwas nicht so gut läuft, wo wir der Meinung sind Fehler zu begehen. Wir kommen auch in Situationen, in denen unsere Frustrationstoleranz niedrig ist, in denen wir unschlüssig und unfreundlich zu Bewohnern und Patienten oder zu deren Angehörigen sind.
Wir alle wissen, dass die Weiterleitung dieser hoffentlich zeitlich begrenzten negativen Stimmung an andere Menschen wie Kollegen, Bewohner, Patienten und deren Angehörigen völlig zu Unrecht geschieht, aber auch wir sind nur Menschen. Und eben weil wir nur Menschen sind, haben besorgte Mitmenschen eine Möglichkeit geschaffen, eine Art Ventil für negative Arbeitseinflüsse zu schaffen und ihr den fürchterlichen und abschreckenden Namen „Supervision“ gegeben. Dabei kann gerade die Supervision so einiges leisten, wozu ich aber erst später komme.

Das Wort Supervision ist abgeleitet aus dem Lateinischen:

Super bedeutet über oder darüber
Vidre bedeutet sehen, anblicken oder erscheinen

Schlägt man das Englischwörterbuch auf, wird der Begriff „Supervision“ mit „Aufsicht oder Oberaufsicht“ übersetzt, was auch der lateinischen Bedeutung entspricht. Dies führt bei Menschen, die noch nie Supervision praktiziert haben, leider zu Fehlinterpretationen wie „Kontrolle“, „Arbeitsanweisung“, „Überwachung“, „Fehlersuche“ u.ä. Dabei praktizieren wir unbewusst fast täglich eine abgespeckte Art der Supervision:
„Stell Dir mal vor, was mir passiert ist…“
Dieser Satz beinhaltet erstmal die unterschwellige Botschaft, gut zuzuhören. Sieht man den Satz dann noch wortbildgetreu, so überreiche ich dem Anderen etwas, was er vor sich hinstellen und aus einiger Distanz betrachten, also „über-betrachten“ soll.

Es gibt so viele theoretische Ansätze und Theorien, dass es keine allgemein gültige Definition der Supervision gibt.
Ich möchte Supervision hier kurz mit einer Definition umreissen, die ich wesentlich von G.Fatzer übernehme: Supervision stellt ein Verfahren dar, bei dem Einzelpersonen, Teams und Gruppen, oder Organisationen mit Hilfe eines Supervisors arbeitsbezogene Problemstellungen in Verbindung mit Team- oder Organisationsdynamik reflektieren. Von ihrer Zielsetzung her soll sie Unterstützung in immer komplexer werdenden Situationen in Organisationen sein, weiter soll sie Unterstützung im Bereich des Lernens und Leitens sein, nicht aber der Legitimation und Kontrolle.
Supervision ist also die Reflexion der eigenen Berufspraxis, meistens anhand von Fallbeispielen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Sie kann einzeln oder in Gruppen stattfinden. Wesentliche Merkmale der Supervision sind:

-die Leitung durch einen ausgebildeten Supervisor
-die Anwendung anerkannter Reflexionsmethoden
-die Betrachtung auf drei Ebenen:

1) Die eingebrachte Fragestellung und mögliche Antworten
2) Die psychodynamischen und soziodynamischen Anteile des Fragestellers und
3) Die Einflüsse und Wirkung auf die Konfliktparteien selbst

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Supervision.

1) Die Einzelsupervision: Der Supervisor arbeitet mit einer Einzelnen Person. Sie wird oft von Führungskräften bevorzugt.

2) Die Teamsupervision: Der Supervisor arbeitet mit einer kleinen Einheit zusammen, z.B. Mitarbeiter einer Station

3) Die Gruppensupervision: Der Supervisor arbeitet mit einer Berufsgruppe zusammen, z.B. Stationsleiter, Pflegedienstleiter, Sozialarbeiter

4) Die Balintgruppe: Der Supervisor arbeitet mit Teilnehmer unterschiedlicher Berufsgruppen aus verschiedenen Bereichen zusammen.

5) Die Peer-Gruppe: Die Supervisanten gehen methodisch vor, jedoch ohne die Leitung durch einen Supervisors; sie supervisieren sich gegenseitig.

6) Weitere, aber eher seltener vorkommende Formen der Supervision: Die psychoanalytisch orientierte Supervision, die TZI-orientierte Supervision, die gestalttherapeutisch orientierte Supervision, die systemisch orientierte Supervision, Supervision mit persönlich-elektischen Ansätzen, und Andere.

Weiter gibt es die Möglichkeit des internen und externen Supervisors, wobei ein interner Supervisor nur bei sehr großen Institutionen, wie z.B. ein Landeskrankenhaus, in Frage kommt.

In Anbetracht der Vielfalt der Supervisionsvarianten und theoretischen Konzepten stellt sich die Frage, welche die Richtige ist. Die Auswahl sollte sich am Problem selbst orientieren und sollte ausgiebigst mit dem Supervisor und dem Team im Vorneherein geklärt werden, da es oft vorkommt, dass die Inhalte im Verlauf des Supervisionsprozesses wechseln.

Supervisionen bieten die Möglichkeit
-eine unklare, oft mit Konflikten besetzten Situation, deren Thema, Personen und Prozesse genauer zu betrachten,
-dabei auch hinter die Kulissen eines oft nebulösen Geschehens zu wagen, und
-„schnelle“ Oberflächenerklärungen, sowie Haltungen und Verhaltensweisen nach und nach mit besseren, tiefgründigeren Erklärungen abzustimmen.

Es geht nicht um Perfektion, sondern um Schärfung der eigenen Wahrnehmung, um Reflexion und Erkenntnis. Es geht um Antworten und Selbstverantwortung. Es geht um eigene gute Ergebnisse und die einer Organisation, um gemeinsame Ergebnisse von Teams. Es geht ums Lernen-Können, damit „eingeschliffene“ Muster sich nicht ständig wiederholen.
Es geht darum, sich selbst besser kennen zu lernen, damit man nicht mehr über eigene Fallstricke und die der anderen stolpert. Es geht auch darum, zu sehen, wann man selbst Fallstricke auslegt – für sich und andere.

Supervisionen sind als kollegiales Feedback zu verstehen. Sie geben die Möglichkeit zur Rekonstruktion und gedanklicher Verarbeitung eines Geschehens. Sie sind eine Form berufsbegleitender Beratungs-, Bildungs- und Betreuungsarbeit, die als Ziel die Erweiterung der beruflichen Handlungskompetenz und die befriedigende Gestaltung von Arbeitsbeziehungen anstrebt. Das Arbeitsfeld mit seinen Strukturen, Wirkungsweisen und Problemstellungen wird aus verschiedenen, oft uns selbst verborgenen Blickwinkeln betrachtet, womit die persönlich-berufliche Weiterentwicklung und Qualifizierung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gewährleistet, und das kreative Denken gefördert wird, womit neue berufliche Sichtweisen entdeckt und erprobt werden können. Die Kreativität, Intuition und Phantasie wird gefördert, damit man besser mit Patienten/Bewohnern, Angehörigen und nicht zuletzt mit sich selbst besser umgehen kann.
Man lernt, seine eigene Arbeit zu schätzen.
Supervision hilft also dabei,
-belastende berufliche Konflikte zu verstehen und zu verarbeiten,
-sich mit verschiedenen Anforderungen wie zum Beispiel Rollenwechsel, Rollenkonflikte und Umstrukturierungen auseinander zusetzen,
-die eigene, persönliche Kompetenz weiterzuentwickeln,
-eigene Ziele zu formulieren und mit anderen zu koordinieren und
-zur eigenen Zufriedenheit an der beruflichen Weiterentwicklung zu arbeiten.

Als Anwendungsfeld der Supervision kommen alle Berufszweige in Frage, die vermehrt mit anderen Menschen zu tun haben und zusätzlich besonderen Belastungen ausgesetzt sind, was besonders den pflegerischen Bereich betrifft, egal ob Altenhilfe, Behindertenpflege, Krankenpflege oder im psychiatrischem Bereich, da Mitarbeiter dieser Bereiche sowohl starken körperlichen, psychischen als auch starken sozialen Belastungen ausgesetzt sind. Aber jeder Berufszweig, der mit internen Problemen zu kämpfen hat, kann einen Supervisor zur Hilfe bitten.

Hier einige Beispiele, warum Supervision gerade im pflegerischen Bereich wichtig sein kann:

a) körperliche Belastung im pflegerischen Bereich sind:
-Kontakt mit chemischen und physikalischen Schadstoffen wie Desinfektions- und Reinigungsmittel
-Kontakt mit Blut und Exkrementen
-Schichtarbeit und überlange Dienstzeiten, Nacht- und Bereitschaftsdienst, nicht vorausplanbare Wochenenddienste, Teildienste, Verschiebungen von Urlaub wegen Personalmangels etc.
-schwere körperliche und einseitige Belastungen bei anstrengender Körperhaltung.
-Aushalten von körperlichen Aggressionen und unerwartetes Schlagen von Patienten
-Dauerndes Schreien und Rufen von verwirrten Patienten

b) psychisch Belastung im pflegerischen Bereich sind:
-häufige und unerwartete „Störungen“ des Arbeitsablaufs durch akute Ereignisse wie Gespräche mit Patienten und Angehörigen, Telefonate, Versorgung von Notfällen und Neuaufnahmen
-Arbeiten auch unter Zeitdruck bei hoher Konzentration und psychischer Angespanntheit wobei die Verantwortung immer gleich hoch bleibt
-Störung des Biorhythmus durch Schichtarbeit und unerwartete Arbeitszeitänderungen durch „Einspringen“ bei Krankheit anderer Mitarbeiter
-wenig Möglichkeit zum Abschalten während der Arbeit
-Zu wenig positives Feedback und Lob von den Vorgesetzten, Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern
-Wenig Hilfe im Umgang mit Krankheit und Tod
-Empfinden von sinnloser Tätigkeit und Schuldgefühle, weil man nicht genug für den Patienten getan hat
-Durchführung von Zwangsmassnahmen bei Patienten wie Zwangsernährung, Medikamentengabe unter Zwang und Fixierungen
-Hilflosigkeit
-wenig „Spielraum“ für eigenverantwortliches und selbständiges Arbeiten
-keine Mitentscheidungsbefugnisse bei betrieblichen Entscheidungen
-kaum Einfluss auf den Arbeitsablauf und Dienstplangestaltung
-Überforderung nicht qualifizierter Mitarbeiter durch Arbeiten, für die sie nicht ausgebildet sind

c) soziale Belastung im pflegerischen Bereich sind:
-verschiedene Rollen in einer Person wie Vorgesetzter und Freund eines Untergebenen
-Rollenüberforderung wie zum Beispiel das Zusammenbringen von Gegensätzen wie aktivierende Pflege und „keine Zeit“
-soziale Isolation, zum Beispiel durch zu wenig Kontakt zu Freunden wegen Schichtdienst und Wochenendarbeit
-häufiger Personalwechsel
-mangelnde soziale Anerkennung der Berufe in der Pflege
-schlechte Bezahlung für Nacht- und Schichtdienst, Einspringen im Notfall, Verlegung von Urlaub und für Arbeiten zu ungünstigen Zeiten

Und jetzt zum Ort, wo eine Supervision stattfinden sollte:
Ein neutraler Rahmen für eine Supervision ist am geeignetsten, so findet in der Regel eine Teamsupervision in einem Raum der Institution statt, aus dem Teammitglieder nicht ständig herausgerufen werden können. Ein Stationszimmer ist daher ein sehr ungeeigneter Raum. Geeigneter ist ein Gruppenraum, in dem kein Telefon steht oder ein Raum auf einer anderen Station. Sinnvoll ist es, dass äussere Störungen wie Notrufe, Piepser“ und Handys möglichst ausgeschaltet werden. Wichtig ist natürlich auch, dass für jeden Teilnehmer genügend Platz vorhanden ist, die Sitzgelegenheiten zumutbar sind und es sich um keinen Abstellraum oder Kellerraum handelt.

Jetzt möchte ich erörtern, ob die Supervision freiwillig, oder verpflichtend sein soll.
Wünschenswert wäre natürlich, dass alle Mitarbeiter freiwillig an den Supervisionssitzungen teilnehmen. In der Regel ist dies auch der Fall, da die Sitzungen im Rahmen der Dienstzeiten stattfinden und die Mitarbeiter sich gegenseitig zur Teilnahme motivieren. Bestehen von einem oder mehreren Mitarbeitern grundsätzliche Bedenken, so sollten die Gründe hierfür ernsthaft besprochen werden. Kommt kein Konsens zustande, sind Zielvorstellungen einer Teamsupervision in Frage gestellt. Ob die Supervision dann dennoch beginnen soll, kann nur im Einzelfall geklärt werden.

Nun zum zeitliche Rahmen der Supervision
Die Supervision ist ein Prozess. Daher sollte sie nicht nur wenige Stunden durchgeführt werden, sondern man sollte sich auf einen bestimmten Zeitraum einigen. Man sollte sowieso erstmal etwa 3-5 „Probesitzungen“ stattfinden lassen, und sich dann auf einen bestimmten Zeitraum festlegen.
Erforderlich sind sicher zwei bis drei Jahre, wobei der Rhythmus abzusprechen ist. Wünschenswert wäre, dass eine Supervision im 14tägigem Rhythmus stattfindet, wobei es aber besser ist, einen Termin im Monat zu finden, an dem alle Mitarbeiter können, statt eines kürzeren Abstandes an dem nur ein Teil teilnehmen kann.
Die Sitzungen selbst sind zeitlich klar zu begrenzen. Erfahrungsgemäss sind ein bis zwei Stunden anzusetzen.

Zuletzt möchte ich die Kosten der Supervision dem Nutzen gegenüberstellen, da Stress im Team entweder mit einer oder mehreren Kündigungen bekämpft werden kann, oder eben mit der Erörterung des Stresses, zum Beispiel eben mit Supervision.
Eine eineinhalbstündige Sitzung kostet, je nach Supervisor und Ort der Supervision, ca. 100-250€ , die die Anfahrtszeit und Anfahrtskosten natürlich beinhalten.
Dabei ist natürlich zu bedenken, dass ein in allen Bereichen eingearbeiteter Mitarbeiter einen erheblich höheren Wert für den Arbeitgeber hat, da sich die Kosten für Werbung und Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters auf ca. 5000-15000€ belaufen und das „Ersetzen“ eines Mitarbeiters immer für Unruhe und Unsicherheit im Team sorgt.
Im Einzelfall kann auch im Team diskutiert werden, ob nicht die Mitarbeiter für einen Teil der Kosten für die Supervision aufkommen können und wollen.

Abschliessend zu sagen ist, dass Supervision eine Gute Sache ist, mit der Stress im Team und Stress mit Patienten und Angehörigen auf Dauer bekämpft werden kann. Aber Supervision kostet eben auch eine Menge Geld, ist aber mit Sicherheit sinnvoller und billiger als eine oder mehrere Kündigungen.

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Verfasst am 09.12.2006 14:14:18 Uhr
Stammzellen: Therapie dank Essstäbchen-Unfall

Der DocCheck Newsletter berichtet:

Stammzellen: Therapie dank Essstäbchen-Unfall


Es klingt wie eine Anekdote, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als kleine Sensation: Neuronale Stammzellen lassen sich relativ mühelos heranzüchten, um geschädigtes Organmaterial wieder zu erneuern - aus Gewebe, das dem verletzten Gehirn entstammt. Neue Therapien rücken näher.

Für die Patientin war es zunächst ein Drama. Durch eine Verkettung unglücklicher Essmanieren hatte sich ein Essstäbchen durch das Auge der Frau direkt in den inneren präfrontalen Cortex der selbigen gebohrt. Die Notfallmediziner agierten schnell und richtig: Sie lieferten die Patientin in das Huashan Shanghai Krankenhaus ein, wo sich Chirurgen in der gebotenen Routine um den Fall hätten kümmern können - normalerweise. Doch es kam anders, und in diesem Falle besser, als man denkt.


Denn der an der chinesischen Fudan University arbeitende Arzt Zhu Jianhong, der im Krankenhaus die OP durchführen sollte, wagte ein ungewöhnliches Stammzellexperiment. Aus dem am entfernten Essstäbchen haftenden Gewebematerial isolierte Zhu jene Zellen, die er für potenzielle adulte Stammzellen hielt. Dass die zur Reparatur von Körpergewebe vorhandenen Zellen im Herzmuskel des Menschen vorkommen, war dem Chinesen ohnehin bekannt. Doch warum, fragte sich der Forscher, sollten die Lebensretter nicht auch im Gehirn vorkommen? Die Zellkultur brachte Aufschluss: Rund vier Prozent der mit Hilfe des Essstäbchens zu Tage beförderten Zellen erwiesen sich als adulte Stammzellen, weitaus mehr, als Zhu sich erhofft hatte.

Umprogrammierung von Nervenstammzellen


Der innere präfrontale Cortex avanciert damit zum spannenden Bioreaktor des menschlichen Körpers. Tatsächlich scheinen auch die Folgeversuche, die Zhu nach dieser Beobachtung unternahm, diese These zu bestätigen. Von insgesamt 22 Patienten, die mit offenen Schädelverletzungen eingeliefert wurden, konnte das Team um Zhu bei immerhin 16 Menschen die therapeutische Fracht aus dem körpereigenem Hirngewebe bergen. Die jetzt im New England Journal of Medicine veröffentlichten Untersuchungen öffnen womöglich das Tor zu einer neuen Ära der Stammzellforschung. Denn die aus neuronalem Gewebe gewonnenen adulten Stammzellen umgehen das ethische Problem, mit dem sich jeder Wissenschaftler auf dem Gebiet der embryonalen Pendants auseinandersetzen muss. Zudem versprechen körpereigene Stammzellen einen enormen therapeutischen Vorteil. Ärzte können sie in ausreichender Menge außerhalb des Körpers ihrer Patienten züchten und sie anschließend zurück in den Organismus injizieren - ohne dass das Immunsystem der Betroffenen auf die therapeutischen Zellen losgeht.

Damit nicht genug. Die Einsatzgebiete von körpereigenen, adulten Stammzellen sind womöglich weitaus größer, als zunächst angenommen. So gelang es Dennis Steindler vom McKnight Hirnforschungsinstitut der Universität von Florida, adulte Nervenstammzellen so zu programmieren, dass sie sich in neuronale Vorläuferzellen zurückentwickeln, aus denen sowohl Nerven- als auch Gliazellen in großer Zahl entstehen können - ein Novum.

Von Menschen und Mäusen


Die Forscher untersuchten im Reagenzglas embryonale Mäusestammzellen und wandten die dabei gewonnenen Erkenntnisse auf adulte humane neuronale Stammzellen an. Sie wollten sehen, ob diese adulten Zellen dazu gebracht werden können, sich ähnlich wie embryonale Zellen zu verhalten, und sich in verschiedene Zelltypen zu entwickeln oder zu differenzieren. Mit Hilfe spezifischer Wachstumsfaktoren und Zellkulturtechniken gelang es ihnen, einen Entwicklungsschritt zurückzugehen und die adulten Nervenzellen in so genannte Vorläuferzellen (Progenitorzellen) umzuwandeln, aus denen sich sowohl Nerven- als auch Gliazellen entwickeln können. Auch hier gilt: Forscher könnten dem Gehirn Zellen entnehmen, im Labor vermehren und dann wieder implantieren. Möglicherweise können auf diese Weise in Zukunft unter anderem Patienten mit Parkinson behandelt werden. Auch sei denkbar, an Hand solcher isolierter Zellen im Reagenzglas Medikamente zu testen, bevor Patienten damit therapiert werden.

Ob solcher Perspektiven startete auch der Chinese Zhu zunächst Tierversuche. Der eigentliche Durchbruch kam aber erst, als Zhu acht Menschen mit schweren Kopfverletzungen nach seiner neuen Methode behandeln durfte. Dazu entnahm er seinen Patienten aus der offenen Hirnwunde Zellmaterial, daraus züchtete er eine ausreichende Menge an therapeutischen Stammzellen. Die spritzte er anschließend in das geschädigte Hirngewebe der Patienten - und beobachtete daraufhin eine deutliche Regeneration der lädierten Hirnareale.

Was nach Wunderheilung aussieht, ist in Wirklichkeit lediglich die Folge komplexer Prozesse, deren Mechanismus immer noch nicht vollständig entschlüsselt ist. Fest aber scheint zu stehen, dass die injizierten Stammzellen im Organismus einfach ihren Job ausführen - sie nehmen die Reparatur des beschädigten Gewebes in Angriff.
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Verfasst am 17.11.2006 02:45:06 Uhr
Brustkrebs

Mammakarzinom…Brustkrebs

1. Psychosoziale Betrachtung

Die Diagnose Brustkrebs - und jetzt?

1.1 Die Diagnose Brustkrebs kann eine Frau und diejenigen, die ihr nahe stehen, zutiefst erschüttern.

Der Schock der Diagnose und die vielen neuen und wichtigen Informationen, die verstanden werden müssen, kann klares Denken erschweren und Gefühle der Hilflosigkeit hervorrufen.
Diese Website und die drei folgenden mit den Themen
• Der Arzt als Partner
• Das Gespräch mit dem Partner
• Die Angst vor dem Rückfall
möchte Ihnen erste Orientierung geben. Sie erhalten Vorschläge, wie Sie wichtige Situationen bewältigen können. Die Autorin ist Dipl.-Psychologin und arbeitet seit mehreren Jahren als Psycho-Onkologin in einem Akutkrankenhaus.

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1.2 Ihre Gefühle verstehen lernen

Allein der Satz: "Sie haben Brustkrebs" kann unerwartete und intensive Reaktionen hervorrufen. Ihre Gefühle können ängstlich, wütend, anklagend, verzweifelt sein aber auch ohnmächtig, niedergeschlagen, hilflos, sehr leicht verletzlich oder wie betäubt, leer, ausgebrannt. Dieses breite Band an widersprüchlichen Emotionen ist völlig normal und Ihrer Situation angemessen.

Indem Sie ihre Gefühle wahrnehmen und sich selbst die Möglichkeit geben sie auszudrücken, beginnen Sie, die Schocksituation der Diagnose zu bewältigen. Jetzt ist die Zeit, um auf sich selbst Rücksicht zu nehmen.
Manchmal hilft es, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen und diese Gedanken zu Papier zu bringen. Als Anregung folgende Fragen:

• Worauf bin ich wütend?
• Auf wen bin ich wütend?
• An welche Dinge kann ich nicht denken und nicht darüber sprechen?
• In welchen Situationen spüre ich Angst?
• In welchen Situationen habe ich das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren?
• Wann/vor wem habe ich Schwierigkeiten, meine Gefühle zu äußern?
• Fühle ich mich allein?
• Wann fühle ich mich in Ordnung?

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1.3 Lösungsstrategien

Sobald Sie mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert worden sind, müssen Sie versuchen, Fach- und Sachinformationen einzuholen, Antworten auf Ihre Fragen zu finden und Lösungen zu entwickeln.
Vielleicht bitten Sie auch andere um Hilfe, machen ihren Gefühlen Luft, wollen gerade darüber jetzt nicht reden oder leugnen, dass sie ein Problem haben.

Diese widersprüchlichen Reaktionen sind tatsächlich alle üblich. In verschiedenen Situationen werden Sie die eine oder andere Methode anwenden, um mit dieser Situation gut zurecht zu kommen.
Langfristig werden Sie am besten fahren, wenn Sie ihre Brustkrebs-Diagnose akzeptieren, sich informieren und eine positive und dennoch realistische Zukunftsperspektive entwickeln. Wichtig ist, dass Sie selbst daran glauben, durch ihr eigenes Verhalten etwas bewirken zu können.

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1.3 Nach Unterstützung suchen

Einzelne Familienmitglieder und enge Freunde können Sie emotional unterstützen. Manchen Frauen fällt es leicht, Familie und Freunde um Hilfe zu bitten. Andere haben Probleme damit, die richtigen Worte oder einfach nur den richtigen Anfang zu finden. Menschen, die Ihnen nahe stehen, wollen oft helfen, wissen aber vielleicht nicht recht, was sie tun sollen.
Wie machen Sie den ersten Schritt?
Für den Anfang empfiehlt es sich, Gedanken und Gefühle offen und ehrlich mitzuteilen. Etwa so:

• Ich möchte einfach, dass du mir zuhörst.
• Es fällt mir schwer, das Wort Krebs auszusprechen, dir zu sagen, wie ich mich fühle. Ich habe Angst, dich zu beunruhigen, wenn ich das Thema anschneide.
• Ich möchte, dass du mir gegenüber ehrlich bist und mir sagst, was du wirklich denkst und fühlst.
• Ich hätte gern, dass du einfach hier bei mir sitzt und meine Hand hältst.
• Ich habe das Gefühl, dass meine Krebsdiagnose uns entfremdet hat. Ich möchte einen Weg finden, um miteinander reden zu können.
Manchmal kann die Hilfe und Unterstützung von Außenstehenden sinnvoll sein.
Wenn Ihnen nach Austausch mit Gleichbetroffenen ist, können Sie eine Selbsthilfegruppe aufsuchen.

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1.4 Selbstrespekt

Vergessen Sie nicht, wer Sie sind! Die Diagnose Brustkrebs kann das Selbstbild einer Frau verändern. Und dennoch: Sie bleiben eine einzigartige Persönlichkeit.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass andere Menschen Sie plötzlich anders behandeln, weil Sie Brustkrebs haben, oder Ihnen aus dem Weg gehen, sprechen Sie sie darauf an.
Wenn Sie Angst davor haben, dass der Brustkrebs etwas an Ihrer Identität verändert oder an Ihrem Verhältnis zu anderen Personen, versuchen Sie folgendes:

• Behalten Sie soweit wie möglich Ihre übliche Routine bei. Gönnen Sie sich bei Bedarf Pausen und setzen Sie dann Ihre üblichen Aktivitäten fort.
• Lachen Sie und genießen Sie das Leben mit Freunden. Treffen Sie sich und reden Sie über Dinge, die nichts mit Brustkrebs zu tun haben.
• Gehen Sie ins Kino, versinken Sie in einem guten Buch.
• Erinnern Sie Familie und Freunde daran, dass Sie noch immer für sich selbst sprechen und eigene Entscheidungen treffen können.
• Bitten Sie Ärzte und medizinisches Personal, Sie nicht als "Krebspatientin" zu bezeichnen, sondern als Frau, die wegen Brustkrebs medizinisch betreut wird.

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1.5 Patientinnen wollen sich nur bedingt helfen lassen

Eine Studie hat die emotionale Belastung und das Unterstützungsbedürfnis bei Mammakarzinompatientinnen zu Beginn der Strahlentherapie untersucht. Das Ergebnis: Patientinnen wollen sich nur bedingt helfen lassen.
Die Strahlentherapie gilt als eine psychisch belastende Phase der Tumorbehandlung. Eine von Hermann Faller, Barbara Olshausen und Michael Flentje an der Universität Würzburg durchgeführte Pilotstudie wollte Hinweise zum Grad der emotionalen Belastung und den Umfang möglichen Betreuungsbedarfes bei Patientinnen mit primärem Mammakarzinom gewinnen.

Dazu wurden 77 meist brusterhaltend operierte Patientinnen wurden zu Beginn der Strahlentherapie befragt. Die emotionale Belastung wurde mit mittels eines speziellen Fragebogens und einer Bewertungsskala (Hospital Anxiety and Depression Scale und der Kurzform des Hornheider Fragebogens) erfasst. Bedürfnis nach und Bereitschaft zu zusätzlicher Unterstützung wurden durch Befragung der Wissenschaftler erhoben. Zusätzlich wurden Einschätzungen durch die behandelnden Klinikärzte, Pflegekräfte und radiologisch-technische Assistentinnen eingeholt.

Das Ergebnis zeigt, dass die Patientinnen und die behandelnden Ärzte die seelische Belastung und die notwendige Betreuung unterschiedlich einordnen. Obwohl die Patientinnen nur zu einem Drittel den Wunsch angaben, über ihre Krankheit sprechen zu wollen, und fast alle über gute Gesprächsmöglichkeiten im Rahmen der Familie berichteten, äußerten 36 % das Bedürfnis nach zusätzlicher psychosozialer Unterstützung. 75 % gaben an, sie würden ein solches Angebot annehmen. Aus Sicht der Mitglieder des Behandlungsteams (Ärzte, Pflegekräfte, radiologisch-technische Assistentinnen) wurden emotionale Belastung und Unterstützungsbedarf der Patientinnen höher eingeschätzt. Auffällige Werte (> 10) auf der Angstskala erreichten 20 %, auf der Depressivitätsskala nur 5 %. Im Hornheider Fragebogen waren 37 % der Patientinnen auffällig.

Im Hinblick auf das selbst eingeschätzte Unterstützungsbedürfnis der Patientinnen bemängelten die Wissenschaftler die bisherigen Verfahren zur Abschätzung für eine psychosoziale Unterstützung von Mammakarzinompatientinnen in der Strahlentherapie. Ihrer Meinung nach reichen die Screeningverfahren nicht aus.

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2. Medizinische Sicht

2.1 Allgemeine Informationen


Heute häufigster maligner Tumor der Frau, tritt vor allem zwischen dem 45. und 70, Lebensjahr auf

Symptome: Schmerzloser, derber (ca. 75%) Knoten, der auch das Leitsymptom ist, unter Umständen schmerzhaft (ca. 10%), lokale Schwellung (Ödem; ca. 4%) oder Einziehung der Brustwarze (ca. 3%). Alle genanten Symptome sind Erstsymptome eines schon fortgeschrittenen Karzinoms.
Frühsymptome sind verdächtige Tastbefunde bei der Krebsfrüherkennungsuntersuchung sowie bei Selbstuntersuchungen der Brust. Weitere klinische Symptome sind Einziehung der Haut oder Unverschieblichkeit über einer Verhärtung, Grobporigkeit, Plateauphänomen (durch konzentriertes Zusammenschieben der Haut kann eine plateauartige Einziehung der Haut sichtbar gemacht werden), offene Wundenbildung (Ulceration) oder Paget-Krebs (ekzemartige Veränderung der Brustwarze).
Verlauf: Abhängig vom Tumorstadium und Differenzierungsgrad des Tumors. Die Metastasierung (Verteilung von Krebszellen im Körper und Neubildung neuer Krebsherde) erfolgt durch das Lymphsystem, hauptsächlich durch die Achsellymphknoten. Karzinome mit 2cm Durchmesser haben in bis zu 60% der Fälle bereits nachweisbare Lymphknotenmetastasen.

Stadieneinteilung: (TNM-Klassifikation)

T1a tastbar bis weniger als 0,5cm
T1b o,5 bis 1,0 cm
T1c 1,0 bis 2,0 cm
T2 2,0 bis 5,0 cm
T3 größer als 5,0 cm
T4a Brustwand
T4b Schwellung (Ödem), Ulceration (Wundbildung), weitere Knoten (Sateliten)
T4c a und b
T4d entzündliches Karzinom

Therapie: Bei kleineren Tumoren (bis T1c) operative Entfernung des Tumors und Teile des Lymphsystems unter Erhaltung der Brust, bei größeren Tumoren operative Entfernung der Brust und Nachbestrahlung. Medikamentengabe (Zytostatika), endokrine Therapie oder Hormontherapie. Strahlentherapie.

(Pschyrembel (1994), 257. Auflage, S.933 ff, 1134 und 1204)


2.2 Brustkrebs ist die häufigste bösartige (maligne) Tumorerkrankung in der westlichen Welt.

Das Wort Tumor kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Schwellung“. Wenn die Zelle eines Organs oder Gewebes geschädigt wird, kann das Einfluss auf die Erbinformation haben und diese verändern. Eine so genannte Tumorzelle entsteht. Diese untypische Zelle beginnt, außer Kontrolle zu geraten. Sie teilt und vermehrt sich ungebremst. Damit wird die veränderte Erbinformation weitergegeben, und es entsteht ein Tumor, eine bösartige Geschwulst.
Das Wachstum von bösartigen Zellen, die Brustkrebs verursachen, geht zum größten Teil von den Zellen der Milchgänge aus. Nur ein geringer Prozentsatz der Karzinome entsteht in den Drüsenläppchen. Die Krebszellen wachsen und befallen das gesunde Gewebe. Es können sich auch Krebszellen aus dem Tumor ablösen und in den Blutstrom oder in das Lymphsystem eindringen.
Der Brustkrebs tritt zumeist einseitig auf und befällt bevorzugt die linke Brust. Rund 60 Prozent der bösartigen Tumoren wachsen im oberen äußeren Bereich der Brust, also in dem Teil, der der Achselhöhle am nächsten ist.

Neben den bösartigen (malignen) Tumoren der Brust gibt es auch gutartige (benigne). Diese können beispielsweise vom Bindegewebe (Fibrome) oder vom Fettgewebe (Lipome) ausgehen. Auch Zysten, mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume im Gewebe, zählen zu den gutartigen Erkrankungen. Eine gutartige Veränderung ist kein Krebs. Rund drei Viertel aller Brusttumoren sind gutartig und lassen sich in der Regel problemlos beseitigen.

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2.3 Brustkrebs oder Mammakarzinom, so der medizinische Fachausdruck, ist die am häufigsten auftretende Krebserkrankung bei Frauen.

Bundesweit erkranken pro Jahr rund 50.000 Frauen. Als Folge der bösartigen Tumorerkrankung kommt es jährlich zu etwa 19.000 Todesfällen.
Was viele nicht wissen: Brustkrebs ist keineswegs ausschließlich eine Frauenkrankheit. Auch Männer können betroffen sein, da auch sie eine Brustdrüse haben, an der Krebs entstehen kann. Bei Männern kommt es aber sehr selten zu einer Erkrankung. Nach Angaben des Berliner Robert Koch-Instituts erkranken jährlich etwa 400 Männer an Brustkrebs. Symptome und Verlauf der Erkrankung sind ähnlich wie bei Frauen. Der Brustkrebs bei Männern wird auch genauso behandelt.

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2.4 Es gibt verschiedene Arten von Brustkrebs.

Zu den häufigsten Formen gehören:

● das duktale Karzinom (Milchgangkrebs). Dieser Krebs, der rund 80 Prozent aller Mammakarzinome ausmacht, entwickelt sich vorwiegend aus den Zellen der Milchgänge.

● das lobuläre Karzinom (Läppchenkrebs). Es geht von den Drüsenläppchen aus. Seine Häufigkeit liegt bei rund 15 Prozent. Das lobuläre Karzinom ist häufiger als andere Krebsarten in beiden Brüsten zu finden (multizentrisches Wachstum).
Daneben gibt es eine Reihe von Sonderformen, die allerdings nur selten auftreten. Die wichtigsten:

● das Paget-Karzinom. Hierbei hat der Krebs die Milchgänge um die Brustwarze befallen und ist in diese eingewachsen oder er ist direkt in der Brustwarze entstanden. Es kommt zu Erkrankungen der Hautoberfläche, die fälschlich als Entzündung oder Ekzem gedeutet werden können.

● das inflammatorische Karzinom. Durch das Eindringen von Tumorzellen in die hautnahen Lymphbahnen kommt es zu einem Lymphstau, der mit einer Rötung, Schwellung und Erwärmung der Brust einher geht.

● das Sarkom: Der Tumor geht vom Weichteilgewebe der Brust aus, z. B. vom Binde-, Fett- oder Lymphgewebe.
Tumore können zellarm oder zellreich sein, jedoch gibt es auch Zwischenformen. Zellarme Tumore wachsen langsam und breiten sich sternförmig aus. Zellreiche Knoten haben eine knollenartige Form und zeichnen sich durch eine schnelle Zellteilung aus.

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2.5 Grundsätzlich lässt sich die Brustkrebserkrankung in zwei Phasen einteilen.

Zunächst erfolgt die Beschreibung der Brustkrebserkrankung anhand einer internationalen klinischen Stadieneinteilung, dem so genannten TNM-System (Tumor, Nodulus=Lymphknoten, Metastasen). Dabei wird die Ausdehnung des Tumors, der Lymphknotenbefall und die Bildung von Tochtergeschwülsten in anderen Organen berücksichtigt.

Noch genauer lässt sich die Erkrankung durch die feingewebliche (histologische) Untersuchung genauer erkennen, bei der u. a. die Zellart des Tumors, die Veränderungen der Zellen, die Zeichen für Bösartigkeit sowie die Strukturen der Zelloberfläche des Tumors erfasst werden. Für die weitere Therapie und Prognose der Erkrankung ist es wichtig, den genauen Zelltyp zu kennen, da die verschiedenen Arten unterschiedlich schnell wachsen und sich ausbreiten können.

Vereinfacht dargestellt, lässt sich der Brustkrebs in zwei Phasen unterteilen:

1. Vorstadium, auch Carcinoma in situ genannt.
In situ bedeutet soviel wie "Krebs an Ort und Stelle". Das Karzinom hat in diesem Stadium (noch) nicht die Oberflächenschicht (Epithel) eines Drüsenläppchens oder die Wand eines Milchganges durchbrochen. Unter Umständen kann der Tumor in diesem Frühstadium über Jahre ruhen, bis er erneut zu wachsen beginnt, zum Nachbargewebe übergeht und möglicherweise Tochtergeschwülste (Metastasen) bildet.
Prognose: Wenn der Krebs in diesem frühen Stadium entdeckt und operativ entfernt wird, besteht eine nahezu vollständige Heilungschance. Das macht deutlich, welchen wichtigen Stellenwert regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen haben. Zusätzliche Behandlungen können aber dennoch notwendig sein.

2. Spätstadium
In dieser Phase bezeichnet man den Tumor als invasiv oder infiltrierend. Er ist in das umliegende Gewebe eingedrungen. Möglicherweise hat er bereits Metastasen gebildet. 80 bis 90 Prozent der Fälle werden in diesem Stadium diagnostiziert. Das Spätstadium kann histologisch in eine Vielzahl von Zelltypen unterteilt werden.
Prognose: Je nach Zelltyp lassen sich unterschiedliche prognostische und therapeutische Angaben machen. Entscheidend ist immer die individuelle Ausgangssituation und die dafür optimale Therapie.

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2.6 Therapie

Bei ca. 70-80% der Patientinnen ist eine brusterhaltende Therapie möglich, bei der der Tumor mit einem Sicherheitsabstand unter Belassung des übrigen Brustdrüsenkörpers entfernt wird. Anschließend wird eine Strahlentherapie der gesamten Brust durchgeführt. Ist eine brusterhaltende Therapie nicht möglich (Tumor im Verhältnis zur Brust sehr groß, mehrere Knoten, Patientenwunsch), wird der gesamte Brustdrüsenkörper entfernt (Mastektomie, d.h. Brustamputation). Dann kann auf eine anschließende Bestrahlung verzichtet werden.

Für die Weiterbehandlung und zur Beurteilung der Prognose werden auf der betroffenen Seite zumeist die Achsel-Lymphknoten entfernt und untersucht. Um hierbei unnötige Lymphknoten-Entfernungen zu vermeiden, kann - sofern der Tumor eine bestimmte Größe nicht überschreitet - auch zunächst nur ein einzelner (sog. Sentinel-oder Wächterlymphknoten) entfernt und untersucht werden. Dazu wird um den Tumor herum Farbstoff oder ein Radionuklid injiziert und so der Lymphabfluss und damit auch die erste Lymphknotenstation dargestellt. So kann gezielt diese erste Station des Lymphabflusses aus dem Tumor entfernt werden.Sollte diese von Krebszellen befallen sein, werden erst dann die übrigen Lymphknoten entfernt.

Gegenwärtig ist bei über 90% aller Patientinnen eine Chemotherapie notwendig. Dabei handelt es sich oft um eine Behandlung mit FEC oder TEC. Die Behandlung wird in mehreren Zyklen durchgeführt.

Bei hormonpositiven Tumoren erfolgt zusätzlich eine Antihormon-Behandlung mit selektiven Östrogenantagonisten wie Tamoxifen oder Aromatasehemmern wie Arimidex, die jedoch erst nach der Chemotherapie beginnen sollte. Wegen der hohen Kosten von Arimidex (30-mal teuerer) und der deutlich kürzeren klinischen Erfahrung mit diesem Medikament ist gegenwärtig Tamoxifen der Goldstandard. Neuesten Studien zu Folge scheint Arimidex etwas bessere Ergebnisse zu zeigen in Hinblick auf das krankheitsfreie Überleben bei jedoch leicht erhöhten Nebenwirkungen (Osteoporose mit der Folge von Knochenbrüchen). Eine gleichzeitige Behandlung mit beiden Mitteln ist nicht sinnvoll.

Leider treten häufig Rezidive (gleiche Brust) oder Metastasen auf. Während Rezidive gut therapierbar sind, kommt es bei Metastasen gewöhnlich zu keiner Heilung. Dabei haben Lungen- und Lebermetastasen eine deutlich schlechtere Prognose als Knochen- und Hautmetastasen.

Für eine einheitliche Qualität bei der (Nach-)Therapie bieten die gesetzlichen Krankenkassen seit 2003 Disease-Management-Programme (DMP) an. Die teilnehmenden Ärzte orientieren sich bei der Therapie an den jeweils aktuellen Leitlinien zur Behandlung und Nachsorge des Brustkrebses. Eine Teilnahme ist bei allen Ärzten möglich, die sich diesen qualitätssichernden Programmen angeschlossen haben. Informationen über teilnehmende Ärzte und/oder angeschlossene Krankenhäuser sind bei jeder gesetzlichen Krankenkasse zu erhalten. Für die Patientinnen bedeutet die Teilnahme an diesem Programm eine Einschränkung der freien Arztwahl.

Im Jahre 1998 wurde der Wirkstoff Trastuzumab (Handelsname Herceptin®) in den USA und 2000 in der Europäischen Union für Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs zugelassen. Er ist ein therapeutischer monoklonaler Antikörper gegen den Wachstumsrezeptor HER2/neu auf der Zelloberfläche von Krebszellen und ist zur Behandlung von Patientinnen mit Brustkrebs zugelassen, wenn die Tumorzellen vermehrt HER2/neu auf ihrer Zelloberfläche ausbilden (exprimieren), was bei etwa jeder vierten Brustkrebspatientin der Fall ist. Studien ergaben, dass mit dieser soganannten Targeted-Therapy-Substanz das Risiko eines Rückfalls um etwa 50 % gemindert werden konnte. Seit 2005 deutet sich in klinischen Studien an, dass auch Frauen ohne Metastasen profitieren, wenn sie unter HER2-positivem Brustkrebs leiden.

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2.7 Therapie, Folgen für Gesundheit und Lebenserwartung

Für die Therapieplanung sind generell die metastasierten von den nicht-metastasierten Fällen zu unterscheiden. Beim nicht metastasierten Mammakarzinom wird i.a. eine Operation mit zusätzlich unterstützender Therapie durchgeführt. Bei größeren Tumoren wurde in den letzten Jahren teilweise eine präoperative Chemotherapie angewandt. Auch die brusterhaltende Operation mit anschließender Bestrahlung erlangte zunehmende Bedeutung gegenüber der Totalentfernung der Brust. Fast alle Patientinnen mit tumorbefallenen Lymphknoten in der Achselhöhle erhalten weiterhin eine unterstützende Chemo- bzw. Hormontherapie. Bei prämenopausalen Patientinnen, d.h. vor dem Eintritt der Wechseljahre, wird die Chemotherapie bevorzugt, bei postmenopausalen dagegen die Hormontherapie bzw. die Kombination beider Therapien. Aufgrund der Ergebnisse internationaler Studien erhalten seit Ende der achtziger Jahre auch Patientinnen ohne Lymphknotenbefall zusätzlich unterstützende Arzneimitteltherapien.

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2.8 Prognose

Die Situation ist aber keineswegs so hoffnungslos, wie es zunächst erscheinen mag. Im Vergleich zu anderen Krebsarten ist der Brustkrebs relativ gut zu behandeln und sogar zu heilen. In den vergangenen Jahren wurden Diagnose und Behandlung des Brustkrebses deutlich verbessert. Selbst Frauen, deren Brustkrebs bereits Tochtergeschwülste gebildet hat, kann mit modernen Medikamenten geholfen werden. Eine besonders wichtige Rolle für den Erfolg einer Therapie spielt die Früherkennung und die aktive Mitarbeit der Patientin. Diese gestaltet sich umso einfacher, je mehr die Patientin über die Krankheit weiß.

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Bereits bei T1 erfolgt bei 30-50% eine Metastasierung, daher kommt es bei ca. 50% der behandelten Frauen zu einem Rückfall. Von diesen sterben ca. 70% in den folgenden 3 Jahren, daher ist in diesen 3 Jahren eine vierteljährige Nachuntersuchung notwendig.

(Pschyrembel (1994), 257. Auflage, S.933 ff)

Auf Basis der zusammengefaßten Ergebnisse von 133 weltweiten Studien mit etwa 75.000 Patientinnen durch die Early Breast Cancer Trialists Collaborative Group läßt sich abschätzen, inwieweit zusätzlich unterstützende Therapien die rückfallfreien und totalen Überlebenszeiten verlängern. Bei Patientinnen mit Lymphknotenbefall kann durch Polychemotherapie eine 5- bzw. 10-Jahres-Überlebensrate von etwa 67 bzw. 47% erreicht werden. Die entsprechende Rate für Patientinnen ohne Befall der Lymphknoten beträgt 84 bzw. 67%. Die rückfallfreie Überlebensrate beträgt 54 bzw. 39% bei Lymphknotenbefall und 75 bzw. 62% ohne. Die Überlebensraten bei Hormontherapie liegen in vergleichbarer Größenordnung. Neben dem Lymphknotenstatus als wichtigstem Faktor werden Tumorgröße und -grading als prognostische Faktoren genannt. Sehr junge Patientinnen unter 40 Jahren haben häufig aggressivere Tumoren und eine scheinbar schlechtere Prognose.

Beim primär metastasierten Mammakarzinom handelt es sich um eine unheilbare Erkrankung; bei ihrer Behandlung steht die Lebensqualität im Vordergrund. An erster Stelle wird versucht, die Schmerzen zu beseitigen. Neben der Chemo- und Hormon- wird auch die Strahlentherapie eingesetzt. Die Überlebenszeit kann derzeit aber mit keiner Therapie deutlich verlängert werden. Tritt bei einer Patientin mit einem Mammakarzinom im weiteren Verlauf erneut ein Tumor auf, so ist der Ort des Rezidivs am wichtigsten für die verbleibende Überlebenszeit. Bei einem lokalen Rückfall auch in der anderen Brust betragen die 5-Jahres-Überlebensraten etwa 50%,
bei Knochenmetastasen 10%;
bei Lebermetastasen liegen die 2-Jahresraten bereits unter 10%.

Relative standardisierte Überlebensraten im europäischen Vergleich : Die durchschnittliche relative 1- bzw. 5-Jahres-Überlebensrate von Brustkrebspatientinnen liegt bei 90,5 bzw. 67%. Für die einjährigen Überlebensraten liegen die Werte zwischen 85% in Polen und 99% in der Schweiz, für die 5-Jahres-Überlebensrate zwischen 63% in Estland und 79% in der Schweiz. Für das Saarland werden folgende Raten beobachtet: 1 Jahr: 91%; 3 Jahre: 77%; 5 Jahre: 69%;10 Jahre: 58%. Die Raten sind zwischen 1978 und 1985 nahezu unverändert geblieben.

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Etablierte Prognosefaktoren sind die sog. St. Gallen-Kriterien zur Einschätzung eines Tumors. Dabei wird der Lymphknotenbefall, die Tumorgröße, der Differenzierungsgrad, der Hormonrezeptorstatus und das Alter der Patientin berücksichtigt.
Bei nodalnegativem Brustkrebs (d.h. nicht von Brustkrebszellen befallenen Lymphknoten) betragen die langfristigen Heilungschancen ca. 85%.

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2.9 Operation

2.9.1 Der erste Schritt in der Krebstherapie ist meistens eine Operation. Manchmal reicht diese Maßnahme aus, um den Tumor vollständig zu entfernen.

Dank medizinischer Fortschritte ist Brustkrebs heute keineswegs gleichbedeutend mit einer Brustamputation – im Gegenteil: Die brusterhaltende Operation ist mittlerweile zum Standard geworden und wird einer vollständigen Entfernung der Brust nach Möglichkeit vorgezogen. Diese Methode belastet wesentlich weniger als eine vollständige Entfernung der Brust. Sie ist inzwischen soweit ausgereift, dass sie bei 70 Prozent der Frauen durchgeführt werden kann, ohne dass ein erhöhtes Rückfallrisiko zu erwarten ist. Neue Untersuchungen haben ergeben, dass die brusterhaltende Operationen genauso gute Heilungschancen hat wie eine vollständige Entfernung der Brust.

Bei einer brusterhaltenden Operation (Tumorektomie, Lumpektomie) wird nur das erkrankte Gewebe inklusive einem Saum aus gesundem Gewebe entfernt, ohne die ganze Brust abzunehmen. Hierfür ist nur ein kleiner Schnitt erforderlich, der an einer kosmetisch günstigen Stelle platziert wird.
Nach einer brusterhaltenden Operation muss die betroffene Brust in regelmäßigen Abständen bestrahlt werden, um alle eventuell noch vorhandenen Tumorzellen zu zerstören und die Bildung neuer Krebsgeschwüre (Rezidive) zu verhindern.
Nur bei 30 Prozent aller Brustkrebs-Patientinnen ist eine brusterhaltende Operation nicht möglich, z. B. wenn der Tumor im Verhältnis zur Brust sehr groß ist oder wenn angrenzende Haut- und Muskelschichten betroffen sind. Um mit hoher Sicherheit alle Tumorzellen zu beseitigen, ist in diesen Fällen eine vollständige Entfernung der Brust (Mastektomie, Ablatio) erforderlich. Ein Wiederaufbau der Brust kann noch während der Operation oder wenige Monate später erfolgen.

Sprechen Sie ganz offen mit Ihrem Arzt über Ihre Ängste, Bedürfnisse und Fragen. Holen Sie - falls Sie sich unsicher sind - noch eine zweite Meinung ein. Zudem haben Sie die Möglichkeit, sich über Selbsthilfegruppen wie z.B. die Deutsche Krebshilfe zu informieren.

Mit der Entfernung des Tumors aus der Brust hängt auch eng die Entfernung der Lymphknoten in den Achselhöhlen zusammen. Sie werden noch während der Operation genau untersucht, um festzustellen, ob die Krebszellen bereits in das Lymphsystem vorgedrungen sind. Dieser Befund stellt eine wichtige Entscheidungsgrundlage für das weitere Vorgehen dar.

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2.9.2 Eine neue Studie zeigt, dass sich Frauen, die von einer Brustkrebserkrankung betroffen sind, nicht die ganze Brust abnehmen lassen müssen.

Die Amputation der Brust (medizinisch: Mastektomie) bietet anscheinend keine größeren Überlebenschancen als die lokale, brusterhaltende Entfernung eines Mammakarzinoms (medizinisch: Lumpektomie). Bei der Lumpektomie wird nur der Tumor operativ entfernt, wobei das angrenzende Gewebe mit einem Sicherheitsabstand mit heraus geschnitten wird.
Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer internationalen zwanzigjährigen Studie, an der 1.851 Frauen teilnahmen. Diese Frauen wurden auch während der Nachsorge betreut. Die Studie verglich die Langzeitergebnisse von Patientinnen mit Tumoren verschiedener Größen und Entwicklungsstadien nach einer von den drei Therapien, Mastektomie, Lumpektomie oder Lumpektomie mit anschließender Strahlentherapie.

Zur großen Überraschung der Wissenschaftler waren die Ergebnisse bei allen drei Gruppen zum Beobachtungsende kaum unterschiedlich. Unabhängig von der Art der Behandlung waren 47 Prozent der Brustkrebspatientinnen auch nach zwei Jahrzehnten noch am Leben. Eine Lumpektomie mit zusätzlicher Strahlentherapie verringerte die Gefahr eines erneuten Auftretens von Krebs - Jahre später in der gleichen Brust allerdings von ca. 40 auf 14 Prozent im Vergleich zur Lumpektomie allein. Die Studie wurde im "New England Journal of Medicine" (Vol. 347: 1233-1241) vom Team um Bernard Fisher von der Universität in Pittsburgh veröffentlicht.

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3. Statistische Sicht

3.1 Rein statistisch gesehen muss jede zehnte Frau damit rechnen, an Brustkrebs zu erkranken.

Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter, da Fehler in der Zellteilung wahrscheinlicher werden. Nach einer Studie des Robert Koch-Instituts liegt das durchschnittliche Erkrankungsalter bei 63,5 Jahren. Nur 15 bis 20 Prozent der betroffenen Frauen sind unter 40 Jahre. In den letzten Jahren ist es aber auch bei jüngeren Frauen zu einem Anstieg der Erkrankungsrate gekommen.
Das höchste Erkrankungsrisiko weisen aber Frauen auf, in deren Familie bereits Brustkrebs aufgetreten ist: Sind Verwandte ersten Grades – Mutter, Schwester oder Tochter – daran erkrankt, steigt das Risiko selbst an Brustkrebs zu erkranken um das zwei- bis dreifache.

Bei Männern ist das Erkrankungsrisiko weitaus geringer. Weniger als ein Prozent der Brustkrebserkrankungen entfallen auf Männer. Der Krebs wird zumeist zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr diagnostiziert.

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3.2 Daten des Statistischen Bundesamts

Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, starben im Jahr 2004 17 590 Frauen an Brustkrebs. Dies entspricht 4% aller Todesfälle bei Frauen. Der Anteil von Brustkrebs an den durch Krebs verursachten Todesfällen bei Frauen lag 2004 bei 17%. Damit ist Brustkrebs bei Frauen die am häufigsten zum Tode führende Krebsart.

Seit 1985 ist die absolute Zahl der Todesfälle durch Brustkrebs von 16 300 Fällen um 8% gestiegen. Dieser Anstieg resultiert auch aus einem wachsenden Anteil der älteren weiblichen Bevölkerung. Rechnet man diesen Effekt heraus (Altersstandardisierung), zeigt sich, dass sich die Zahl der an Brustkrebs verstorbenen Frauen von 40 je 100 000 Frauen (1985) auf 37 je 100 000 Frauen im Jahr 2004 verringert hat.

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Gut 1,6 Mill. Krankenhausaufenthalte (11,3 Prozent) erfolgten wegen bös- und gutartigen Neubildungen.

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